Kultur : Krakatau

Naturkatastrophen und die Globalisierung der Welt

Rüdiger Schaper

Krakatau. Es klingt wie ein Kinderreim, aber es ist der Name eines Vulkans in Südostasien, zwischen Java und Sumatra. Die Explosion des Krakatau im Sommer 1883 sprengte Inseln, vierzig Meter hohe Wellen rasten über Meer und Land, Hunderte Dörfer und Städte verschwanden. Man schätzte damals 40 000 Tote.

Bis vor wenigen Tagen verband sich mit Krakatau die größte Naturkatastrophe der Neuzeit. Es scheint das Wesen der Katastrophe zu sein, dass sie sich eines Tages selbst übertrifft. 120 Jahre später hat, unweit des fürchterlichen Vulkans, die See gebebt. Fassungslosigkeit, Grauen, Entsetzen – es gibt kein Wort für das, was die infernalischen Fluten des 26. Dezember 2004 angerichtet und ausgelöst haben. Stündlich steigt die Zahl der Opfer. 40 000, 50 000, 60 000 Tote?

Simon Winchester, ein britischer Sachbuchautor, berichtet in seinem Bestseller „Krakatau – Der Tag, an dem die Welt zerbrach“ (deutsch bei Albrecht Knaus, 2003), wie die Nachricht vom Vulkanausbruch in der Sundastraße die westliche Hemisphäre erreichte. Über ein unterseeisches Telegrafenkabel, das seit 1870 Batavia mit Singapur und London verband, verbreitete sich die Schreckensmeldung. Langsam, unaufhörlich. Erst eine kurze, versteckte Mitteilung in der „Times“, dann kamen immer mehr Berichte. Die Nachrichtenagentur Reuters – wie heute CNN – verteilte die News aus Fernost über die Kontinente. „Dies war die allererste Geschichte eines wahrlich gewaltigen Naturereignisses, in der es um die Erde und die um die Erde ging. Ein Teil des Erdgefüges war entzweigerissen. Und jene Teile eben dieser Erde, die durch Kabel und Telegrafenleitungen miteinander verbunden waren und Zugang zu Zeitungen hatten, wurden nun über dieses Ereignis unterrichtet“, schreibt Simon Winchester. Krakatau, so sein Resümee, war der Beginn des „global village“. Ist Empathie eine Frage der Kommunikationstechnik? Die Ascheregen des Krakatau wurden bis nach Nordamerika getragen und sollen dort außergewöhnlich dramatische Sonnenuntergänge bewirkt haben; eine Spezialität der Maler der Hudson River School.

Es verschlägt einem die Sprache, wenn man die Nachrichten sieht, die immer gleichen Amateurvideos von der Welle, die über den Strand von Phuket schwappt. Und doch: Naturkatastrophen, von Atlantis bis Pompeji, bewegen den menschlichen Geist wie nichts anderes. Am Allerheiligentag des Jahres 1755 zerstörte ein Erdbeben Lissabon. Portugal beklagte 30 000 Tote – und in ganz Europa stürzten intellektuelle, philosophische Kartenhäuser zusammen. Voltaire erschütterte mit seinem „Poème sur le désastre de Lisbonne“ den optimistischen Fortschrittsglauben des Jahrhunderts der Aufklärung. Katastrophe und Lebensrisiko – diese Begriffe verdrängten im modernen Europa des 18. Jahrhunderts die alten Vorstellungen von Sünde, Schuld und Gottesgericht.

Der Sintflut des Alten Testaments lag vermutlich eine reale Naturkatastrophe zugrunde. Sie ist schon im Gilgamesch-Epos dokumentiert, wohl älter als die Bibel. Neuere wissenschaftliche Spekulationen beschreiben einen gewaltigen Anstieg des Mittelmeeres, das die Länder um das Schwarze Meer überflutete, bis ins Zweistromland. Noah mag sein Überleben in der Arche einer göttlichen Warnung verdankt haben – oder der Tatsache, dass ein Schiff auf offener See unbeschadet über Tsunamis hinwegsegeln kann. Die Killerwellen werden erst vor den Küsten zu turmhohen Wasserwalzen.

Trost halten die alten Geschichten nicht bereit. Sie erinnern uns aber daran, wie und wo Mythen entstanden sind und Religionen. Lissabon, Krakatau, Bam, Indien, Sri Lanka, Thailand, Indonesien: Naturkatastrophen sind erklärbar, womöglich verhinderbar geworden, mit High-Tech und Geld. Reiche Staaten leisten sich Warn- und Schutzsysteme, schnelle Katastrophenpläne. Das Seebeben offenbart auch den ökonomischen Riss durch die Welt. – Und doch gibt es eine Verbindung zu den Göttern. Wenn die Nachrichten, wie jetzt, ein solch grauenhaftes Ausmaß annehmen, dass man sie nicht glauben will.

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