Krakau : Schätze der Berliner Staatsbibliothek in Polen

1941 wurden zum Schutz vor dem Bombenhagel Berliner Bibliotheksschätze nach Polen ausgelagert. Für die Wissenschaft ist die erste vollständige Erschließung der Sammlung Autographa eine kleine Sensation.

Gregor Dotzauer

Um die Besitzverhältnisse der 220 000 darin aufgelisteten Autografen zwischen Polen und Deutschland umzustoßen, ist er aber vorerst nur eine Marginalie. In diesem Spannungsfeld muss man die erste vollständige Erschließung der in der Krakauer Biblioteka Jagellonska befindlichen Sammlung Autographa bewerten. An ihrer Bedeutung als Teil der sogenannten Berlinka – den Berliner Bibliotheksschätzen, die ab 1941 zum Schutz vor den Bomben der Alliierten nach Polen ausgelagert wurden – bestand ohnehin nie ein Zweifel. Die Rede vom „geistigen Tagebuch der Deutschen“, die sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Herrin der Staatsbibliothek jetzt zu eigen macht, ist nach Umfang, Qualität und Quellenwert der Dokumente für Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaft voll gerechtfertigt. So befinden sich in der Sammlung unter anderem 30 Briefe von Martin Luther, 202 von Goethe, 118 von Kleist, 850 von Alexander von Humboldt und 158 von Rilke. Auch Nachlassteile von Jean Paul oder Herder sind in Krakau zu finden – ebenso wie die Sammlung des Schriftstellers Karl August Varnhagen von Ense, dem Ehemann der Rahel Varnhagen, in denen sich das literarische Leben Berlins im 19. Jahrhundert spiegelt.

Die Autografen sind nicht in allen Fällen unbekannt. Sie waren bisher aber durch lückenhafte und falsche Nachweise oft schwer aufzufinden. Helga Döhn hat dem mit ihrem im Wiesbadener Harrassowitz Verlag erschienenen Autografenkatalog (im Buchhandel 129 €, in der Staatsbibliothek 74 €) nun abgeholfen. In jahrelanger Arbeit und mit Unterstützung der Krakauer Bibliothekare umfasst allein die beigelegte CD-ROM mit den rund 17 500 nach Verfasser und Empfänger recherchierbaren Dokumenten über 2000 Manuskriptseiten.

Um das darin verzeichnete Material zu studieren, muss man allerdings weiterhin nach Krakau reisen – und wird angesichts des konservatorischen Zustands einiger Dokumente nicht in jedem Fall Zugang erhalten. Eine Digitalisierung der Bestände ist daher wünschenswert und dringender als die unwahrscheinliche Rückgabe an Deutschland. Denn hierzulande wie in Polen ist die Bedeutung der Berlinka, zu der auch umfangreiche Musikhandschriften von Bach, Mozart und Beethoven gehören, symbolisch hoch aufgeladen, ja sie besitzt nicht zu unterschätzende nationale Wallungswerte. Die Hoffnung auf eine Restitution der zum Komplex der Beutekunst gehörenden Schätze, wie sie noch 1995 in der lesenswerten Staatsbibliothek-Broschüre „Verlagert, verschollen, vernichtet …“ (in der Staatsbibliothek für 2,50 €) offen ausgesprochen wird, hat einer Diplomatie der Andeutungen Platz gemacht. Aber so sind, bei aller Entspannung zwischen den Völkern, eben die Zeiten. Der Genosse Erich Honecker erhielt 1977 noch Beethovens „9,. Symphonie“ und Mozarts „Zauberflöte“ zurück. Der Genosse Gerhard Schröder musste 2000 mit einem Luther-Druck aus dem 16. Jahrhundert vorliebnehmen. Gregor Dotzauer

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