Kultur : Kranke Welt

Veristische Kunst im Kupferstichkabinett

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Herr und Hund. Der Fotograf und Sammler Hugo Erfurth, 1926 von Otto Dix gezeichnet.Foto: SMB, Jörg P. Anders © VG Bild-Kunst Foto: bpk / Kupferstichkabinett, SMB /
Herr und Hund. Der Fotograf und Sammler Hugo Erfurth, 1926 von Otto Dix gezeichnet.Foto: SMB, Jörg P. Anders © VG Bild-KunstFoto: bpk / Kupferstichkabinett, SMB /

Als der britische Schriftsteller Stephen Spender 1929 Deutschland besuchte, war er begeistert von einem Modernismus, der zur Massenbewegung geworden war. „Alles war ,neu‘, trügerisch neu“, schrieb er später in seiner Autobiografie. „Das Mondäne, das Moderne überdeckte alles.“ Die jungen Menschen, die der Autor in Hamburg und Berlin traf, waren hochgewachsen und abgebrüht, „wachsbleiche Gesichter“, „zurückgekämmtes Haar“, „aufgeworfene, sinnliche Nasenflügel“ fielen ihm auf.

In den Porträts, die die Ausstellung „Gefühl ist Privatsache“ jetzt im Berliner Kupferstichkabinett versammelt, kann man diese Gesichter wiederentdecken. Es sind Epochengesichter. Bleich und unberührbar, beinahe mit den toten Augen einer Schaufensterpuppe blickt eine namenlose „Berlinerin“ auf Christian Schads Ölbildnis von 1929 dem Betrachter entgegen. Karl Günthers „Elisabeth“ reckt sich im Streifenkleid und hochhackigen Schuhen, mit reichlich Rouge und Lippenstift auf einer Sitzbank nach vorne. Eine „Margot“ von Rudolf Schlichter signalisiert mit lässig in der Hand liegender Zigarette und blasiertem Blick hinter tief hängenden Lidern, dass sie in dieser Welt nichts mehr erschüttern kann. Neben ihrem Bubikopf wirbt ein Plakat für den Cirkus Busch. Und der Fotograf und Sammler Hugo Erfurth, den Otto Dix 1926 mitsamt schwer hechelndem Hund in schwarzer Kreide festgehalten hat, ist zwar nicht mehr jung, aber seine Haare sind auf juvenile Art zurückgebürstet.

„Das Gefühl ist Privatsache und borniert. Der Verstand hingegen ist loyal und relativ umfassend“, notierte Bertolt Brecht 1926. Verismus und Neue Sachlichkeit, neben dem Konstruktivismus des Bauhauses die vorherrschenden Kunstrichtungen der Weimarer Republik, standen für ein Ernüchterungsprogramm nach dem Gefühlsüberschwang des Expressionismus. Die Utopien waren im Ersten Weltkrieg buchstäblich zerschossen worden, nun ging es, so George Grosz, darum, dem Zeitgenossen „den Spiegel vor die Fratze“ zu halten und „diese Welt davon zu überzeugen, dass sie hässlich, krank und verlogen ist“. Die von Anita Beloubek-Hammer kuratierte Ausstellung bietet neben 120 Werken aus den Beständen des Kupferstichkabinetts auch 30 Leihgaben auf, nicht ausschließlich Arbeiten auf Papier, sondern auch Gemälde und Skulpturen. Die Bilder sind zu dicht gehängten Tableaus gruppiert, die Rückblende auf Krieg und Dadaismus ist etwas zu ausführlich geraten.

Die Veristen verstanden sich als Wahrheitssucher, aber besonders gut waren sie darin, die Wirklichkeit zuzuspitzen. Otto Dix radierte einen zum Torso verkrüppelten Streichholzhändler, vor dem die Passanten fliehen. George Grosz interessierte sich in seinen Wirtshausszenen für entscheidende Details: gestikulierende Hände, aasig gebleckte Zähne, den Kaiser-Wilhelm-Bart eines Offiziers. Schon seine Bildunterschriften sind reinste Satire: „Die Kommunisten fallen – und die Devisen steigen.“ Mit derlei Parolen wollten die Künstler der Neuen Sachlichkeit – eine Ausstellung in der Mannheimer Kunsthalle gab ihnen 1925 den Namen – nichts zu tun haben. Alexander Kanoldt, Christian Schad und Georg Schrimpf malten und zeichneten hypergenaue Porträts, Stillleben, Stadtszenen. Die aufgeräumten Landschaften von Franz Lenk fanden später das Wohlwollen der Nationalsozialisten.

Am Ende der Ausstellung wartet das Unheil. Oskar Nerlingers Blatt „Der letzte Ausweg“ (1931) zeigt einen Erhängten. Im Hintergrund fließt der Großstadtverkehr.

Kupferstichkabinett, Kulturforum Potsdamer Platz, bis 15. August. Di., Mi., Fr. 10–18, Do. 10–22, Sa./So. 11–18 Uhr. Katalog (Michael Imhof Verlag) 29,90 €.

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