Kultur : Krankenhäuser, Feuerwehren, Kosmopoliten

Wie der Patriotismus unter die Räder kam

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Patriotismus ist, aus allzu klaren historischen Gründen, in Deutschland ein umstrittenes Thema. Man hört das Wort selten, es scheint mit dem schwer belasteten Begriff Nationalismus unzertrennlich verbunden zu sein.

Das war nicht immer der Fall. Im 18. Jahrhundert verstand man unter Patriotismus hauptsächlich die Bereitschaft, sich für das Gemeinwohl einzusetzen. In einem Lexikon von 1740 war der Patriot der Mann, der sich um „die allgemeine Wohlfahrt“ kümmert. Und in einem Wörterbuch von 1774 war der Patriot derjenige, „der die allgemeine Wohlfahrt unabhängig von seinen eigenen Interessen fördert“. Die so genannten patriotischen Gesellschaften des 18. Jahrhunderts haben Krankenhäuser unterstützt, Feuerwehren gegründet und Straßenlampen repariert. Kurz: Der Patriot hat sich um seine Mitbürger und die Gemeinschaft gekümmert.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde Patriotismus zunehmend mit politischen Reformen assoziiert. Patriot war derjenige, der sich um das politische Wohlbefinden von anderen kümmert und sich gegen die Regierung für die Rechte der Bürger einsetzt. Patriotismus wurde mit den Idealen der Französischen Revolution verbunden. In manchen Fällen wurden die Begriffe Kosmopolit und Patriot synonym verwendet, da der Patriot das Wohlbefinden der Menschheit insgesamt im Auge hat.

Erst die Befreiungskriege haben die Bedeutung des Wortes unwiederbringlich verändert. Als die Deutschen unter napoleonischer Besatzung litten, schien es immer wichtiger, deutsche Interessen und Eigenschaften zu schützen. Patriot zu sein hieß zunehmend, deutsche Interessen anderen vorzuziehen. Damit rückte das Wort in die nationalistische Richtung, die uns heute bekannt ist.

Was sagt die Geschichte über die Möglichkeit, ein deutscher, britischer oder amerikanischer Patriot zu sein? Wir können nicht einfach wieder denjenigen einen Patrioten nennen, der sich allgemein für das Gemeinwohl einsetzt. Auch wenn das Wort nicht im nationalistischen Sinne verwendet wird, meint Patriotismus heute vor allem die Liebe zum eigenen Land. Eine solche Liebe muss nicht an sich unzulässig sein, aber sie kann leicht zu nationalistischen oder unkritischen Tendenzen führen. Das ist keineswegs nur in Deutschland ein Thema: In anderen Ländern wird es immer wichtiger, sich vor gefährlichen Wendungen des so genannten Patriotismus zu hüten.

Vielleicht kann die wechselhafte Geschichte des Wortes uns darauf hinweisen, wie Patriotismus Liebe zum Land mit einschließen, aber zugleich nationalistische Tendenzen ausschließen kann. Deutschland hat sich für politische Ideale wie Menschenrechte und Gleichheit entschieden. Vielleicht könnten wir also jetzt denjenigen einen Patrioten nennen, der sein Land liebt, aber zugleich diese Ideale und Grundrechte unterstützt und sich für das politische Wohlbefinden seiner Landsleute einsetzt. So, in seiner ursprünglichen Bedeutung, könnte Patriotismus wieder als politische Tugend Geltung erlangen.

Wenn wir über Patriotismus in Deutschland nachdenken, zum Beispiel am Tag der Einheit, zeigt sich, dass es auch gute Tendenzen in der Tradition dieses schwierigen Wortes gibt.

Lydia Moland ist Commerzbank Fellow an der American Academy in Berlin und Assistant Professor of Philosophy an Babson College in Wellesley, Massachusetts.

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