Kultur : Kranker Zauber

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Dietrich Diederichsen über

Sängerknaben im Digitalzeitalter

Neulich standen die Wiener Sängerknaben hinter Harald Schmidt. Die edlen Knaben öffneten und schlossen ihre herrlichen Münder und grelle Harmonie durchströmte das Studio. Kranker Zauber: Knabenchöre sind ein Abgrund. Das weiß nicht nur, wer selbst einst einen schönen Sopran besaß, das ahnt auch jeder, dem diese grelle Helligkeit vorgesetzt wird. Deren Schönheit doch wohl darauf gründet, dass die Kinder selbst nie wissen können, was sie da eigentlich beleuchten. Nun ist der erotische, ja pädophile Anteil an der Liebe zur Knabenstimme oft thematisiert worden. Schmidt dürften sie indes eher gefallen haben, weil er mit ihnen weiter an seinem Projekt einer ostentativen Bürgerlichkeit im angeblich so postbürgerlichen Privatfernsehen arbeiten konnte. Was aber ist generell heute noch die Idee dieses Knabensingens: wie ist es gemeint, wie soll man es genießen?

Da die Knaben auf diese eigene, aber noch nicht von ihrer Subjektivität ausgehende Wirkung kaum stolz sein können, müssen sie sich doch zwangsläufig beschämt fühlen. Ich erinnere mich: Man hasst es. Sie schauen ernst. Einem ist es peinlich und er grinst. Die Veranstaltung lebt vom dubiosen Schauwert von Können und Disziplin. Es ist ein Können im Umgang mit einer Stimme, deren Aussage gerade ist, noch nicht aus eigener Kraft zu gefallen, zu können.

Digitale Produktion erlaubt das sauberere Trennen und Herausstellen noch jeden Klangeffekts, insbesondere auch der stimmlichen. Saubere helle und klare Stimmen sind ein typisch digitaler Hörfetisch. Ein Klangreiz wie der der Sängerknaben, dessen ästhetisches Programm Helle, Abwesenheit von tieferen Begleitungen der hohen Stimmen, eine von allem Dunklen gereinigte Welt - schon von sich aus nach Freistellung verlangt, findet in der digitalen Sauberkeit ideale Bedingungen vor. Und die passenden Hörgewohnheiten. Längst verselbstständigt taucht die klare Stimme als Effekt in den unterschiedlichsten musikalischen Kontexten wieder auf - so etwa in der Umgebung elektronischer Tanzmusik.

So gibt es aber auch wieder ein Folk-Revival, das vor allem von den Hörern digitaler Musik zelebriert wird. Im Mittelpunkt steht das nunmehr fast vollständig wiederveröffentlichte Werk der Engländerin Shirley Collins. Bei früheren Revivals ist die vor allem in den späten 50ern und frühen 60ern tätig Gewesene noch übergangen worden. In den heutigen Geschmack passt ihre extrem klare Stimme dagegen perfekt. Sie war wie immer schon digital und hatte, anders als etwa die für meinen Geschmack deutlich brillantere Jacqui McShee (u.a. bei Pentangle), keine störenden stilistischen Ideen, nichts, das von ihrer gottverlassen einsam klaren Stimme ablenken könnte. Nur dass es fraglich ist, ob diese Verlassenheit noch kommuniziert wird, ob ihre Stimme heute nicht ganz ohne Semantik nur noch als ein geiles musikalisches Partialobjekt gehört wird. Als Objekt eines Begehrens, das seine Neigung zu Knaben, Kastraten und anderen Unmündigen irgendwie digital sublimiert hat.

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