Kultur : Krankheit der Tugend

Harald Martenstein über

Rauchen und Nichtrauchen lassen

Der Popmusiker Joe Jackson möchte aus New York wegziehen. Begründung: Joe Jackson ist Raucher und Rauchen ist in New York inzwischen überall verboten. Als neue Wohnorte kommen London oder Berlin in Frage. Schon richtig: Es gibt keinen einzigen vernünftigen Grund, der für das Rauchen spricht. Oder nein, es gibt doch zwei. Erstens, das Rauchen bringt dem Staat eine Menge Geld. Zweitens, die Raucher sterben früher und entlasten auf diese Weise die Rentenkasse.

Wenn also niemand mehr raucht, werden wir womöglich ein Volk von pumperlgesunden, aber bitterarmen Hundertjährigen, die keinen Cent Rente mehr kriegen, und der Staat ist so pleite, dass die Friedhöfe, wo die Hundertjährigen eines Tages dann trotz ihres Nichtrauchens unvermeidlich landen, nicht mehr gepflegt werden. Auf den Gräbern der Nichtraucher wuchern Disteln und Löwenzahn. So möchte ich nicht hundert werden.

Der Kampf gegen das Rauchen hat die Vernunft auf seiner Seite. Doch für unendlich viele vernünftige Anliegen ist schon mit den falschen Mitteln gekämpft worden, vor allem, wenn Eiferer sie vertreten. Zum Beispiel musste sich die Schauspielerin Nicole Kidman jetzt schwere Vorwürfe anhören, weil sie sich bei einer Pressekonferenz vor aller Augen eine Zigarette angezündet hat. Sie solle, wenn schon, doch heimlich rauchen.

Es ist der gleiche Geist, der in vielen Gegenden der USA die Biertrinker dazu zwingt, ihre Flaschen in braunes Packpapier zu hüllen, damit man sie nicht erkennt. Dieser Geist möchte das Laster und die Unvernunft mit ihren tausend Gesichtern aus der Öffentlichkeit verscheuchen. Das wirkliche Leben und die Idee vom richtigen Leben sollen deckungsgleich werden, zumindest an der Oberfläche. Das geht nur, wenn man ein bisschen mogelt.

Auch die Herrschaft der Tugend kann eine Gewaltherrschaft sein. Die Tugend und das Laster sollte man sich am besten wie zwei Schwestern vorstellen, die einander verabscheuen und trotzdem brauchen. Wenn es das Laster nicht mehr geben darf, sieht die Tugend nicht mehr feenhaft schön aus, sondern gewalttätig und brutal.

Ja, sicher, es ist richtig, sich das Rauchen abzugewöhnen. Es tun ja auch immer mehr Leute. Aber es einer Schauspielerin zu verbieten, sich bei einer Pressekonferenz eine Zigarette anzuzünden? Nein. So macht auch das Nichtrauchen keinen Spaß mehr.

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