Kultur : Krasse Kartoffeln

Bildung von der Straße: Sie schmeißen mit Fleisch und mischen das Hip-Hop-Milieu auf. Wie die Kreuzberger Rap-Crew K.I.Z. Mallorca-Prolls, Kiez-Gangster – und sich selbst veralbert

André Görke

Der Polizist in Bayern hatte derben Humor. Sechs Wochen ist’s her, als die Jungs von K.I.Z. im schwarzen BMW gen München donnerten. Kurz vor der Stadt dann: abrupte Kontrolle. „Meine Herren, wo wollen Sie hin?“, fragte der Polizist. „Zum Konzert, wir sind Rapper aus Berlin“ – „Rapper aus Berlin? Dann hatten Sie bestimmt mal was mit der Polizei zu tun.“ – „Äh, nein.“ – „Nein!? Na, dann seid’s ihr gar keine echten Rapper.“ Da mussten sie laut lachen, der Polizist aus Bayern und die Hip-Hop-Crew aus Kreuzberg.

„Acht Uhr am Kotti

Ich ficke dein Leben

Ich komm’ mit den Cousins

Die dich erst schlagen und dann reden.

Ey, yo! Kennst du den und den – Nein?

Dann bis du ein Opfer

Ich bin zehn Prozent Gehirn

und 90 Prozent Boxer

Also gib mir dein Handy,

Nutte, es ist Ghetto!

Die Hosen in meinen Socken

im Solarium gebacken

der BMW is’ gemietet“

So beginnt das Lied „Was Willst Du Machen“. Es ist eine Persiflage auf Proleten und Kiez-Gangster, und es stammt von K.I.Z. Das ist eine junge Crew, die beim Berliner Rap-Label Royal Bunker unter Vertrag und – nach Meinung nicht weniger – kurz vor dem Durchbruch steht. Nett ist die letzte Zeile der ersten Strophe, weil auch der schwarze BMW an jenem Vormittag in Bayern nur gemietet war. „Der Polizist hat uns auf den Arm genommen, das war nicht schlecht“, sagt Nico, 23, geboren „im psychopathischen Todesghetto Hermsdorf“, wie er sagt. Wofür das Kürzel K.I.Z genau steht, ist nicht so ganz klar, es gibt viele Definitionen und sie alle sind protzend-albern: Künstler im Zuchthaus. Kriegsverbrecher in Zwangsjacken. Kannibalen in Zivil. Da es wie kids klingt, passt es sowieso.

„Du Opfer,

Was willst du machen?

Überall sind Kanaken

Deine Mama soll losgeh’n

und die Wertsachen wegpacken

Wir ziehen Koksi ’n’ Speed

Das Leben eines Gees

Wir boxen dich zu Kartoffelbrei

Ali-Murat-Rashid“

Die Rap- und Writer-Szene war besoffen vor Glück, als sie diese Zeilen zu hören bekam. Das Szenemagazin „MKzwo“ schrieb von einer „genialen Erweiterung des 08/15-Du-bist-doof-Battlespektrums“. Und die „Juice“ attestierte ihnen „Fäkal-Artistik und Toilettenhumor auf technisch-hohem Niveau“. Damit seien die vier Jungs „eine wohlklingende Alternative zur wachsenden Humorlosigkeit im deutschen Rap“. Denn derzeit ist wenig wirklich Neues zu hören in der deutschen Hip-Hop-Szene: Die einen – Fettes Brot oder die Fantastischen Vier etwa – stehen für brav-bürgerlichen Blödel-Rap, die anderen – all die Künstler vom Label Aggro aus dem ach-so-brutalen Berlin – tischen sich oft nur Gangsterstorys auf, die mit Schusswaffenverletzungen im Knast enden. Sil-Yan, 22, aus Kreuzberg und bekannt als DJ Craft, spricht von „Straßen- ironie“, wenn er den Stil von K.I.Z. beschreibt. „Das ist eine Art von Humor, der bei Jugendlichen in Berlin ausgeprägt ist.“ Scharf und schroff, ein bisschen verboten, und alles nicht ganz so ernst gemeint.

Auch die K.I.Z.-Jungs protzen mit ihren Schwänzen und betonen gern, dass sie die allerkrassesten Gangster sind. Aber sie rappen das derart laut und überdreht, dass jeder die Ironie hört – „ohne dass wir das auch noch freundlich mit dem Zeigefinger andeuten müssten“, sagt Maxim, 22. Die Melodie des „Ärzte“-Klassikers „Schrei Nach Liebe“ haben sie auf ihrer Platte gecovert, weil sie ja mit Punkrock in Kreuzberg groß geworden sind, allerdings haben sie das Wort „Arschloch“ ghettomäßig durch „Hurensohn“ ersetzt. Ach ja: Wer intellektuelle Texte lieber habe, bitte, der könne sich ja im Buchladen versorgen.

Er kommt und er fickt dich

Ist ein Sozialhilfeempfänger

Er macht den ganzen Tag Fitness

Und ist der Psycho-Gangbanger.

Also mach keine Faxen,

Deine Freunde sind Spassten

Er hat Vorstrafenregister,

23 Geschwister.

Er ist bewaffnet,

Ein Schlitzer.

Sie waren Vorband der „Bloodhound Gang“ und treten im Sommer bei den wichtigen Rap-Festivals auf, beim Splash und bei den Hip-Hop-Open. Bei einem K.I.Z.-Konzert am Flughafen Tempelhof standen neulich nicht nur auffällig viele fröhliche Frauen im Publikum, sondern auch die Rocker von den Beatsteaks. Geschickt spielen K.I.Z. mit den Beats aus den Achtzigern, und selbst die Klänge von Depeche Mode oder Wolfgang Petry sind in ihren Songs zu hören.

Um den Klischees aber gerecht zu werden und diese auch kräftig zu veralbern, hängen sie sich schon mal Minikettensägen um den Hals. Es darf also gelacht werden über schmutzige Sprüche wie „Dein Konzert ist wie ficken – ich komme und schlafe ein“. Das „Liebeslied“ von den „Beginnern“ haben sie platt, aber unbekümmert in „Riesenglied“ umgedichtet. Und es funktioniert, weil die einen Spaß haben und die Älteren lieber verschämt weghören. „Verbohrte Typen sehen die Verzerrung nicht, die sehen nur das vermeintlich Schlimme“, sagt Maxim, „aber das macht Spaß. Du kannst die Leute verwirren und ein bisschen erschrecken.“

Maxim, ein großer, blonder Kerl, ist gelernter Physiotherapeut; Tarek, 20 Jahre alt, hat seinen Abschluss an der Fachhochschule gemacht. Sil-Yan gibt Kindern Nachhilfe am Mischpult in Sachen Scratching. Und Nico ist Student an der FU Berlin. Fachrichtung: Soziologie. So viel zur Bildung.

Pitbull, Terrier

Ohne Maulkorb und Leine,

Königskette am Hals

Im Portmonee deine Scheine,

Er hat keinen Schulabschluss

In seinem Problembezirk

Benimmt er sich wie Gott

Wenn er durch den Block marschiert

Sein Vorbild ist Tupac

Seine starken Arme

Bringen jeden Deutschen

In die Notaufnahme

Ich kenne ihn schon lange

Durch seine Eltern habe

Ich jeden Tag Schawarma

Und eine Knoblauchfahne

Im Keller des Royal Bunker-Labels, tief im Wrangelkiez, geht’s zu wie beim Klassenausflug, so viel wird herumgealbert und artig applaudiert, wenn sich einer ins Philosophische verrennt. Beim Konzert nebenan im Kreuzberger „103 Cub“ wollten sie mal grillen – auf der Bühne.

Weil da aber die Brandschutzbestimmungen nicht mitmachten, haben sie einfach eine Essensschlacht mit dem Fleisch („20 Kilo Köfte“) veranstaltet. Auf dem DJ-Pult lag irgendwann ein Kotelett. Ein Riesenspaß. Über Fleisch machen sie sich oft lustig, weil „das Wort ‚Fleisch’ so schön plump und männlich klingt“, sagt Maxim. Sie posieren mit Rinderhälften und werden „Berlins härteste Griller“ genannt. Der Titel des letzten Albums: „Böhse Enkelz“ – was allerdings keine Reminiszenz an die Böhsen Onkelz sein soll.

Du Opfer, wen willst du boxen,

Überall sind Kartoffeln

Jedes Jahr auf Mallorca

Von der Sonne verbrannt und besoffen

Wir fressen Schwein, fahren Golf

Saufen Bier, wir sind Prolls

Wir boxen dich jetzt zu Couscous

Stefan Markus Gregor und Rolf

Jeder bekommt sein Fett weg, jeder wird, ja doch: einfach verarscht. Auf’s Maul haben K.I.Z für ihre Sprüche jedenfalls noch nichts bekommen.

K.I.Z. spielen heute im Magnet Club (Greifswalder Str. 212-213, Prenzlauer Berg), 21 Uhr. Das Tour-Motto lautet „Das Album ist fertig und wir zeigen es euch!“ Die neue Platte erscheint im Juni.

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