Kultur : Kraulend durch die Stadt

DAVID WAGNER

Für die scheinbar ziellose Bewegung zu Fuß durch die Straßen und vorbei an den Schaufenstern einer Stadt gibt es ein Wort, das man heute leider nicht mehr verwenden darf, weil zu viele Schreiber zu wenig sparsam damit umgegangen sind.Denn nachdem Franz Hessel der "schönen Berlinerin" Ende der zwanziger Jahre zurief: "Bitte flaniere", sind vor allem Feuilletonisten seiner Bitte nachgekommen.

Dem Schriftsteller, Proust-Übersetzer und wahren Jules der Kinolegende "Jules et Jim" widmet das Berliner Literaturhaus eine Ausstellung mit dem Titel "Franz Hessel - Nur was uns anschaut, sehen wir".Hessel, geboren 1880, lernt die Kunst des Spazierengehens vor dem Ersten Weltkrieg in der Schwabinger Boheme und den Armen der Gräfin Franziska zu Reventlow, bevor es ihn nach Paris zieht, wo er nicht nur die Grand Boulevards zwischen Opéra und der Place de la République, sondern auch engere Passagen und Gassen zwischen den Schneisen der großen Boulevards erkundet.Im Café du Dôme in Montparnasse, in dem er sich mit seinem französischen Freund Henri Pierre Roché die Zeit vertreibt, soll Franz Hessel seine spätere Frau Helen mit den Worten "Sie haben Augen wie der Goethe der mittleren Jahre" angesprochen haben.Bald ist Helen, die spätere Modekorrespondentin und Nabokov-Übersetzerin, auch die Geliebte Henri Pierre Rochés.So beginnt die Liebesgeschichte, die François Truffaut als "Jules et Jim" verfilmt hat.

Das Etikett "Flaneur von Berlin" verdankt Hessel einem andern Freund: Walter Benjamin feiert sein Buch "Spaziergänge in Berlin" (1929) in einer Besprechung als die Wiederkehr des Flaneurs.Dabei hatte Hessel wohl wenig von der Langsamkeit des damals schon historisch gewordenen Passagengängers.Hessel selbst nennt sich einen Spaziergänger, der die Stadt wie ein illustriertes Buch zum Zeitvertreib und Vergnügen durchblättert.Hier und da liest er sich fest und bleibt gebannt stehen.Er wechselt die Tempi, verschmäht auch schnellere Fortbewegungsmittel nicht, er setzt sich in offene Autos, fährt über die Avus, steigt in die U-Bahn und lobt die Baustellen des damaligen Neuen Westens.Wo die Erde aufgekratzt wird, ist es interessant.Er besichtigt Erich Mendelsohns Universum-Kino (die heutige Schaubühne), Hans Poelzigs Funkhaus und die Siedlungsbauten von Bruno Taut.Er besucht auch abseitige Viertel, schaut in Hinterhöfe, macht touristische Stadtrundfahrten, in den Atempausen des Reiseführers fallen ihm seine Kindheitsgeschichten ein.

Seine Erkundungsgänge sind meist erinnerungsglasiert, sein fremder Blick auf das Eigene ist auch nostalgisch.Das romantischabsichtslose In-die-Welt-hinaus des Wanderers lenkt Hessel zurück auf das Straßenpflaster und auf die Spur des neuen Zaubers, von dem die Stadt selbst noch nicht viel weiß.Das ganze Gegenwartsleben läßt sich auf den Lichtreklamen und Leuchtschriften lesen.Den Zaubergarten der Werbung adelt er als "Architekturen des Augenblicks".

Ende der zwanziger Jahre bemerkt Hessel, daß "um 1910 ein paar besonders gute Jahrgänge gewesen sein müssen".Sie haben in Berlin Mädchen mit "leicht athletischen Schultern in Kleidern ohne Gewicht hervorgebracht".Zu ihnen sagt Hessel "Bitte flaniere".Und er läßt es sich nicht nehmen, ihnen zu erklären: "Das ist ein Fremdwort und wird ein fremder Begriff bleiben, bis du dich so bewegst, daß ein neues Wort von deinem schönen Gang redet." Hessel findet selbst schöne neue Worte für die schwerelose Bewegung; wenn "sich treiben lassen" nicht trifft, spricht er von "Kraulen, wo andere nur Brustschwimmen", bevor sie scharf und glatt die Schaufenster, die Aquarien für Waren, ansteuern.Nicht in Schaufenstern, sondern in Vitrinen haben Ernest Wichner und Herbert Wiesner zusammengetragen, was vom Leben Franz Hessels übriggeblieben ist.Dank des Hauptstadtkulturfonds bietet das Literaturhaus einen Spaziergang, der das Leben des Stadtspaziergängers Franz Hessel aufblättert.

Ausgestellt sind Briefe, Bücher, Erstausgaben, Zeitungsausschnitte, Postkarten, Bilder aus Berlin, Paris und München.Das wertvollste Stück der Sammlung ist ein sehenswertes Porträt, das Man Ray von Henri Pierre Roché aufgenommen hat; von Hessel gibt es Fotos, die ihn mit großen dunklen Augen in einem kahlem Rundschädel zeigen.Sein Freund Roché nannte deswegen zärtlich "globe", die Kugel.

Schriftstellerausstellungen geraten oft in Versuchung, sich auf die auratische Wirkung einiger persönlicher Gegenstände zu verlassen, die im Rahmen der Ausstellung zu kultischen Objekten verklärt werden.Im Falle Hessels war die Gefahr nicht groß, Hessel ist mit wenig Habe im französischen Exil in Sanary-sur-Mer gestorben.Heute ist nicht einmal sein Grab bekannt.

Ausstellungsvitrinen wie Schaufensterscheiben werden unter einem bestimmten Blickwinkel zu Spiegeln; der Besucher kann zum Beobachter des Beobachters werden, der streifende Blick des Betrachters kann sich fangen lassen.Augenblicke wie der, von dem Hessel in seinem Tagebuch notiert, lassen sich nacherleben: "Oft starre ich auch ins Silber des Mixerglases und was sonst gläsern spiegelt.Man könnte stundenlang so sitzen und verkommen." Manchmal schnappt die Spiegelfalle zu, und was wir sehen, schaut zurück.

Die Frage nach dem neuen Wort für den "schönen Gang" anstelle des verbotenen, das mit "F" wie "Flan" so süß wie der gekochte Nachtisch anfängt, ist noch nicht letztgültig beantwortet.Die ganz große Schwerelosigkeit haben die "guten Jahrgänge um 1910" heute verloren.Ihre Enkelkinder bewegen sich auf der Tauentzienstraße weniger gewichtslos als klumpschuh- und plateausohlenbeschwert.Und tragen an ihren sportstudiogestählten Beinen meist Hosen statt leichter Kleider.Ihr Gang hat manchmal mehr von einem gummigefederten, sich des Bodens immer wieder versichernden Hüpfens, das sich erst nach längerem Anlauf in ein schwebendes Gleiten verwandelt.Eine Eigenbewegung, die auf dem Gefälle ihrer eigenen Bugwelle reitet, als ginge es überall leicht bergab.

Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße 23, bis 1.November, täglich außer dienstags 11 bis 19 Uhr.Katalog 32 Mark.

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