Kultur : Kraut und drüben

„Rock!“: Leipzig zeigt 50 Jahre Jugend, Musik und Pop-Kultur in Deutschland

Christian Schröder

Das wichtigste Biotop der Popkultur ist das Jugendzimmer. Statt die Hausaufgaben zu erledigen, haben die Heranwachsenden der 70er- und 80er-Jahre dort doch immer nur ihre Platten gehört. Jugendzimmer waren Pubertätshöhlen und Selbstfindungsecken. Auf der Klappcouch liegt ein Plüschhund, dahinter hängt der a-ha-Starschnitt aus der „Bravo“ neben Wham!-, Sandra-, Schimanski- und Opel-Kadett-Postern. Ein Popper-Hosenanzug, Farbe: senfgrün, baumelt vor dem Kleiderschrank auf einem Bügel. In der Klarsicht-Unterlage auf dem Schreibtisch steckt ein „Greenpeace“-Aufkleber. Natürlich fehlt Pacman nicht, Stammvater aller Gameboy-Helden. Gefräßig schiebt er sich über den Bildschirm eines Atari-Computers.

Im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig ist ein Jugendzimmer detailgenau so rekonstruiert worden, wie es 1986 oder ’87 ausgesehen haben könnte. Es fungiert als Ruhezone innerhalb der Ausstellung „Rock!“, die sich mit enzyklopädischem Eifer daranmacht, die fünfzig Jahre zurückreichende Geschichte von „Jugend und Musik in Deutschland“ zu erzählen. Auf der Couch kann der Besucher zu einer bereitliegenden E-Gitarre greifen oder den Blick aus einem Fenster in die Räume schweifen lassen, die er zuletzt passiert hat. Da sind die Schriftzüge „Wutanfall“, „Schleim-Keim“, „Müllstation“, „Namenlos“ und „Feeling B“ wie Graffiti auf eine Wand geschmiert, Namen von Punkbands aus der späten DDR. Die Ausstellung versucht, um die Hymne „Berlin“ der NDW-Kapelle Ideal zu zitieren, einen kompletten „Ost-West-Überblick“. Mit 1200 Exponaten ist sie die bislang größte popkulturelle Museumsunternehmung in Deutschland.

Kurator Bernd Lindner, Leipziger Kultursoziologe des Jahrgangs 1952 und Neil-Young-Fan, hat zweieinhalb Jahre an dem Ausstellungskonzept gearbeitet. Zu seinem Team gehörten zuletzt zwei Dutzend Mitarbeiter. Die von der Stiftung Haus der Geschichte und der Bundeszentrale für politische Bildung finanzierte Schau soll nach Leipzig in Bonn, dann in Berlin zu sehen sein. „Mehr und mehr erkenne ich, dass Teenager in der ganzen Welt Freude an den gleichen Dingen haben“, schrieb Elvis 1957 in einem Brief an seine „lieben Freunde in Deutschland“, den die „Bravo“ druckte. Mit der neuen Popmusik begannen Jugendliche erdumspannend, sich von den Erwachsenen zu emanzipieren. Im Oktober 1958 landete der Sänger als amerikanischer Soldat in Bremerhaven, der Rock’n’Roll war in Deutschland angekommen. Mit Reliquien, die diese Ankunft bezeugen, setzt die Ausstellung ein: Elvis’ Seesack und seine Uniformjacke, eine Locke von ihm und der Friseurstuhl, auf dem ihm in den Armee-Baracken im hessischen Friedland die Haare gestutzt wurden. Der „Haircut Regular“ kostete 35 Cent. Als die Amerikaner abzogen, hatte das Bonner Haus der Geschichte den ganzen Friseursalon gekauft.

Hysterien gehörten, wie bei jeder religiösen Bewegung, von Anfang an zur Popkultur. Entsprechend groß ist das Enttäuschungspotenzial. „Ich stand mit Petra Schröder ganz vorne bei den Polizisten am Seil“, schrieb die damals 15-jährige Marion Haase in ihr Tagebuch, nachdem sie in Bremerhaven auf Elvis gewartet hatte. „In vielen Zeitungen bin ich mit drin. Den richtigen Elvis habe ich aber gar nicht gesehen.“ Die Ausstellung folgt der Popgeschichte in Deutschland auf einem Haupt- und vielen Nebenwegen. Ein Knotenpunkt ist die Hamburger Reeperbahn, wo die Beatles zwischen 1960 und ’62 in Etablissements wie dem „Indra“, „Top Ten“, dem „Kaiserkeller“ und dem „Star Club“ auftraten. Instrumente der Fab Four sind zu sehen und Locken, die sich Lennon 1966 abschneiden lassen musste, als er in der Lüneburger Heide den Film „Wie ich den Krieg gewann“ drehte.

Eine Locke gewann die damals 13-jährige Barbara Lüttkopf, die für einen Wettbewerb gedichtet hatte: „Man schnitt ihm ab so manche Strähne / Jetzt hat der John ’ne Mini-Mähne.“ Für Kurator Lindner ist der Rock’n’Roll ein „Klanggefühl, unter dem sich Jugendliche sammeln“. Deshalb wird nicht bloß von den Stars, sondern immer wieder auch von den Fans erzählt. Der Siegeszug der Beatles führte zu einer Nach-Mach-Welle; überall entstanden Bands, die sich The Cave Men, The Electronics, The German Bonds oder The Lords nannten. In der DDR wurde der Trend zu langen Haaren und englischsprachiger Musik anfangs toleriert, doch nachdem es 1965 beim legendären Konzert der Rolling Stones in der Berliner Waldbühne zu Ausschreitungen gekommen war, sah die Leipziger Volkszeitung „eine neue Kristallnacht“ gekommen. Als die Staatsleitung die Beatmusik verbot, organisierten Oberschüler einen „Protestmarsch“ auf dem Leipziger Leuschnerplatz. 800 Stasi-Beobachter, 267 Verhaftungen: Es war die größte Demonstration in der DDR zwischen dem 17. Juni 1953 und dem Oktober 1989.

Die Größen des Deutschrock sind seit zwanzig, dreißig Jahren Stars. Ihnen widmet die Ausstellung ein eigenes Kabinett. Auf das Schlagzeug, an dem er mit Klaus Doldinger die „Tatort“-Fanfare einspielte, hat Udo Lindenberg – logo – „Keine Panik“ geschrieben. Marius Müller Westernhagen bekam schon 1969 für einen Auftritt mit seiner „4-Mann-Beat-

Band“ Hara Kiri Women bei „Europa Möbel“ in Bonn eine Gage von 2000 Mark. Devotionalien der Ost-West-Diva Nina Hagen werden in Umzugskisten präsentiert: eine Kopie ihres Ausreiseantrags aus der DDR, Fotos vom Masturbations-Tipp bei ihrem berüchtigten ORF-Talkshowauftritt. Rührend wirkt die Improvisationskunst der Ostrocker. Puhdys-Gitarrist Dieter „Quaster“ Hertrampf bastelte Ende der 70er Jahre aus Kabeln und einer Ledertasche einen rustikalen Funkgürtel.

Die Ausstellungsgestaltung des Berliner Designbüros Triad folgt einer simplen Farbdramaturgie: Rot steht für den Osten, Blau für den Westen, nach dem Mauerfall kommt es zur Verschmelzung in Hellgrün. Spätestens seit den 80er Jahren lässt sich die Popgeschichte nicht mehr als Abfolge von wechselnden Stilen und Moden, sondern nur noch als großes Nebeneinander darstellen. Auf eine Halfpipe werden Bilder von Skate-Punks projiziert, daneben können die Besucher auf zwei Plattenspieler den Hiphop von Grandmaster Flash und der Sugarhill Gang zerscratchen. Im Hintergrund: ein gigantisches Panoramabild der Love Parade. Was bleibt, ist der Trotz, die aufmüpfige Pose. „Ich lasse mich nicht unterkriegen!“, hat ein Mädchen unter ein Foto geschrieben, das es im Grufti-Look mit schwarz gefärbten, hoch gesprayten Haaren zeigt. In seinem Jugendzimmer.

Zeitgeschichtliches Forum Leipzig, bis 17. April, Di–Fr 9–18, Sa/So 10–18 Uhr.

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