Kultur : Kraut und Lügen

Deutschsprachige Erstaufführung: „Lantana“ am Hamburger Thalia Theater in der Regie von Stephan Kimmig

Katrin Ullmann

Es ist staudig-strauchiges Eisenkraut, ein sonnenhungriges Gewächs mit Ranken und verdrehten Zweigen, dessen Blüten einem ständigen Farbwechsel unterliegen. Es ist das Wandelröschen „Lantana“. In Australien ist es weit verbreitet. Andrew Bovell kommt von dort und hat sein Stück nach dieser giftigen, unkrautartigen Pflanze benannt. Weil sie – außen schön und farbenprächtig – die „verflochtene, rätselhafte Geschichte symbolisiert", die er gern erzählen möchte. Der Stückeschreiber und Drehbuchautor, Jahrgang 1962, hat in „Lantana“ mehrere Kurzdramen verstrickt. Hat Figuren erdacht, die nichts miteinander zu tun haben, deren Schicksale dennoch verknüpft sind. Er hat ein Flechtwerk geschrieben, eines mit einem „dunklen Innenleben“. 2001 wurde es von Ray Lawrence verfilmt und vielfach ausgezeichnet.

Das Stück besteht aus drei Teilen, neun Figuren und ein paar recht großen Themen: Liebe, Vertrauen, Betrug. Seine deutschsprachige Erstaufführung hatte es am Thalia Theater in Hamburg, in der Regie von Stephan Kimmig. In Teil eins erleben wir gleich einen doppelten Seitensprung. Leon (Markus John) betrügt seine Frau Sonja (Judith Hofmann), Jane (Maren Eggert) hintergeht Pete (Norman Hacker). Jeweils mit dem anderen. Natürlich in einem allzu günstigen Hotel. Es folgen verlegene Geständnisse, Trennungen, ein Damenschuh, der auf ein Nachbargrundstück geworfen wird, später die Geschichte eines kuriosen Mannes, der braune Budapester trägt, und noch später die einer Frau, die wildfremde Männer beschimpft.

Im verregneten Teil zwei treffen wir Neil (Harald Baumgartner), der seiner Jugendliebe Sarah einen Brief ins Mikrofon diktiert. Sarah (Susanne Wolff) jedoch spricht gerade mit ihrer Therapeutin Valerie (Anna Steffens) über Bindungsängste und lebt mit deren Mann John (Jörg Pose) eine glückliche Affäre. Nach der Arbeit hat Valerie eine Autopanne. Sie geht zu einer Telefonzelle. Von dort hinterlässt sie kühl ein paar existenzielle Fragen und Nachrichten auf Johns Anrufbeantworter. Mittendrin steht Nick. In roter, fest gefütterter Daunenweste (Kostüme: Anja Rabes). Nick – wunderbar geradlinig gespielt von Andreas Döhler – will nach ein paar Drinks einfach nur nach Hause. Ruhig steht er da, als sich Anna Steffens panisch zitternd an ihn klammert; streichelt unbeholfen ihre Hand. Später steht er unter Mordverdacht. Dabei wollte er der verzweifelten Valerie nur aus der Autopanne helfen.

Das Leben ist einfach verdreht. Spätestens im dritten Teil verquicken sich all diese Geschichten miteinander, ist Bovells Welt nicht größer als eine Erbse. Bühnenbildnerin Katja Haß hat für die Parallelhandlungen, die verschiedenen Gegenwarten und Vergangenheiten zwei goldbraun, holzgetäfelte Doppelzimmer entworfen. Kimmig interessieren Menschen, sagt er, „die emotional orientierungslos sind“, ob bei Ibsens „Nora“ – seine brillante Inszenierung wurde zum Berliner Theatertreffen geladen – Vinterbergs „Fest“ oder nun Bovells „Lantana“. Leise und geschickt setzt er auch hier wieder auf die Psychologie der Figuren, auf ihre Menschlichkeit. Wenn etwa der gute Cop Leon gegen den graugesichtigen John (Jörg Pose) ermittelt und dessen Bitterkeit und Hass erfährt: Dann steht Markus John zwar breit und aufrecht hinter dem Tatverdächtigen, doch immer nervöser und verlegener wird seine Haltung, werden seine Gesten. Immer auffälliger wird sein scheinbar juckendes rechtes Ohr. Schließlich mutiert das Verhör zum ratlosen Gespräch unter Männern und dreht sich um so intim-moralische Sujets wie Ehe, Treue und Leidenschaft.

Ebenso offen liegt Sonjas Seelenwelt. Vor allem, wenn sie tanzt. Der Ehebruch lässt ihr Leben aus den Fugen geraten. Judith Hofman tötet ihre Verzweiflung mit Alkohol und Aktionismus. Sie stampft fürchterlich unrhythmisch auf, schüttelt wild den Kopf und gerät dabei immer wieder aus dem Takt. Traurig und allein ist sie, verlassen und betrogen. Sie tobt sich ihre Wut aus dem Bauch, ihre Sehnsucht aus dem Herzen.

Wenn er behutsam und präzise erzählt, gelingen Kimmig hervorragende Szenen und Personenskizzen. Im Ganzen jedoch bleibt die Inszenierung distanziert und merkwürdig verstaubt. Werden doch nur Fragmente verschiedener Menschenleben verhandelt, die irgendwie miteinander zu tun haben, werden beinahe pflichtgemäß die dramaturgischen Spuren verfolgt, bis am Ende – der Autor hat es ja so gewollt – alle Fäden zusammenfinden und nahezu alle Geschichten aufgelöst sind. „Wie ein zart verwobenes Stück Gewebe“, findet Bovell.

Oder wie das wirre Wurzelgeflecht einer Pflanze. Einer Lantana.

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