Kultur : Krautwickel gegen Vampire

Bodo Mrozek

weiß sich vor Monstern zu schützen Amerikanisches Brauchtum erfreut sich hierzulande nicht nur im Wahlkampf großer Beliebtheit. Auch die moderne Volkskultur unterwirft sich zunehmend transatlantischen Ritualen. Dies zeigt sich vor allem in der Nacht der Nächte, wenn der Ruf des großen Kürbis erklingt. Der Halloween -Brauch leitet sich vom englischen „All Hallows Eve“ her (eve steht für evening) und bezeichnete ursprünglich den Vorabend von Allerheiligen. Mittlerweile nimmt man es damit nicht mehr so genau. Dass man im Blutmonat Oktober früher das Vieh schlachtete, interessiert uns in Zeiten der Vogelgrippe wenig. Und auch an das vermehrte Auftreten von Hexen und Feen glaubt in der entzauberten Großstadt nur eine Minderheit. Dennoch geht ohne Kürbisse, Teufelsfratzen und Mumien nichts mehr. Halloween findet seit einigen Jahren nicht nur im Privatfernsehen statt, sondern auch im Nachtleben. Die einschlägigen Partykalender vermerken für dieses Wochenende nicht weniger als 25 Halloween-Partys, wahlweise mit Geisterbahn ( WMF ), Kostümzwang ( Too Dark ), Dracula ( Last Cathedral ): die Stadt im Gruftiewahn.

Wem das alles zu düster ist, dem bietet sich ein gänzlich säkularer Abend mit gruselfreier Musik. The In Kraut ist der Titel einer Party, die auf den Hit von Dobie Gray und Ramsey Lewis „I’m In With The In Crowd“ anspielt. Es ist auch der Titel der Platte, die am Samstag ab 23 Uhr im Mudd-Club (Große Hamburger Str. 17) vorgestellt wird. Die bemerkenswerte Compilation (Marina Records) fördert deutschen Tanzjazz aus den Archiven zu Tage, den man unseren Landsleuten kaum zugetraut hätte. Auf weitgehend unbekannten Stücken von 1966 bis 1974 beweisen Helmut Zacharias, der fabulöse Peter Thomas und Filmmusiker Erwin Halletz („Das Stundenhotel von St. Pauli“), dass Deutschland zu Zeiten der ersten großen Koalition und der Ära Brandt ein innovativer Pop-Standort war. Die Knef sang damals „From Here On It Got Rough“, die englische Version ihrer Miniatur-Autobiografie „Von nun an ging’s bergab“, noch heute kann man dazu prima tanzen. Ausgegraben haben die frühen deutschen Acidjazz-Schätze Stefan Kastel und Frank Jastfelder . Beide zeichneten bereits für die gefeierten „Get Easy!“-Sampler (Universal) verantwortlich. Wer sie an den Plattentellern erlebt hat, kann sich ja immer noch an den einschlägigen Orten ins gruselige Getümmel stürzen. Ab drei Uhr nachts regiert in vielen Berliner Clubs ohnehin ganzjährig das Prinzip Geisterbahn. Eigentlich ist Halloween ja auch erst am Montag.

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