Kultur : Kraxeln zum hohen C

HORST KOEGLER

Zehn Jahre "Rossini in Wildbad" - wer hätte sich das 1988 träumen lassen! Inzwischen fest auf der Festspiel-Landkarte positioniert, hat sich Wildbad zur Feier des Tages seine Reputation auch international beglaubigen lassen - und zwar durch keinen Geringeren als Alberto Zedda, unstreitig als Dirigent eine der renommiertesten Rossini-Autoritäten.Der kam, um zwei Festaufführungen von Rossinis "Viaggio a Reims" zu leiten - zwar nur konzertant, doch spielt das bei diesem alle gewohnten Formen sprengenden Dramma giocoso in un atto aus dem Jahr 1825 keine so existentielle Rolle wie etwa beim "Barbiere" oder bei der "Cenerentola".Zumal da Zedda mit seinen fünfzehn Sängersolisten in den achtzehn Rollen und den Virtuosi di Praga es verstand, aus der Partitur ein derartiges Feuerwerk komödiantischer Effekte zu zünden, daß einem schier die Sinne schwanden vor soviel Charme und augenzwinkernder Chuzpe.Und die aus ganz Europa nach Wilbad geholten Sänger machten durch ihre Jugend, ihre Frische und ihre unverbrauchten stimmlichen Reserven wett, was ihnen derzeit noch an virtuosem Schliff fehlt.Das Ganze hat jedenfalls allen Beteiligten einen Mordsspaß gemacht und fuhr dem Publikum derart in die Glieder, daß es kaum stillzusitzen vermochte.

Den direkten Schulterschluß probten die Wildbader Veranstalter gleich am Anfang ihres Festivals mit einer Aufführung von Adriana Hölszkys "Der Aufstieg der Titanic".Bei der Uraufführung vor zwei Jahren in Graz noch als "OpeRatte sich, wer kann" ausgewiesen, begnügte sich die deutsche Erstaufführung mit der Klassifizierung als "Szenisches Konzertstück für sechs Vokalisten, Klangrequisiten und Zuspielband", aus- und aufgeführt - wie schon in Graz - von den sechs Damen des von Dietburg Spohr geleiteten Ensembles "belcanto".Ein Stück absurden instrumentalen Theaters, das den Untergang des Luxusliners in Beziehung setzt zum Hinscheiden der Operette, die mehrfach mit dem "Glücklich ist, wer vergißt" aus der "Fledermaus" zitiert wird.Auch sonst wimmelt es von Zitatfetzen zwischen Goethe und Jandl, wie es von Ratten und Mäusen wimmelt und in der Partitur der rumäniendeutschen Komponistin von Geräuschen und Klängen: der Kehlkopf als Studio des Voice Building.Daß die Ensemblemitglieder dabei auch noch absurde Handlungen vollführen - die Versenkung toter Fische im Aquarium beispielsweise oder eine Modeschau mit Klamotten vom Flohmarkt - ist zwar ganz amüsant, trägt aber nicht über die anderthalb Stunden, die die Vorstellung dauert.

Hauptproduktion des diesjährigen Festivals war Rossinis vor zwei Jahren in Pesaro ausgegrabene "Matilde die Shabran o sia Bellezza, e Cuor di Ferro", Melodramma giocoso in due atti des Jahrgangs 1821.Rossini war wohl selbst nicht ganz glücklich mit dem Produkt und hat noch ein bißchen nachgebessert, so auch im folgenden Jahr für Wien - und es war diese Wiener Fassung, deren sich Wildbad angenommen hat.Sie änderte zwar nichts an Stendhals apodiktischem Urteil "Grauenhaftes Libretto, aber schöne Musik", doch es lohnte durchaus das Kennenlernen.Die Handlung dieser auch unter dem deutschen Titel "Corradino, das eiserne Herz oder Matile di Shabran" firmierenden Semiseria ist derart verschroben, daß es schwerfällt, sie nachzuerzählen - sie krankt obendrein an ihrer unproportionierten Dramaturgie mit einem zwei Stunden langen ersten Akt, gefolgt von einem nochmals einstündigen zweiten Akt.Es geht um einen misanthropischen und misogynen spanischen Edelmann, eben besagten Herrn Corradino alias Eisenherz, der alle Frauen haßt und auch sonst kurzen Prozeß mit allen macht, die ihm irgendwie in die Quere kommen.

Hält man sich an die Musik, so wird man Stendhal beipflichten - sie ist in der Tat "schön", entzückend gar, reinster Rossini, haarscharf balancierend auf dem Grat zwischen Buffa (à la "Barbiere") und Seria (à la "Semiramide") - in dieser Mischung noch am ehesten vergleichbar der "Diebischen Elster".Das Besondere an dieser Rossinischen "Matilde" sind die vielfach gegliederten Ensembles, die sich zu regelrechten Miniaturdramen auswachsen.Von den Instrumentalsoli ganz zu schweigen, die sich betörend ins Ohr schmeicheln.

Dirigent Francesco Corti, Regisseurin Annette Hornbacher und Ausstatter Sascha Weig nebst dem Tschechischen Kammerchor und den Virtuosi di Praga übertrafen damit ihre früheren Rossini-Anstrengungen noch um einige Grade.Auch diesmal erwies sich Wildbad wieder als Entdeckungspodium für hochbegabten Sängernachwuchs - namentlich die Japanerin Akie Amou konnte in der Titelrolle glänzen.Als miesepetriger Kraftlackal Corradino machte der Mexikaner Ricardo Bernal blendende, wie in einem Body Building Studio gestylte Figur, doch bedürfen seine tenoralen Kraxeltouren zum hohen C offenbar derzeit noch einer Extraportion Sauerstoff.Diejenigen, die schon 1996 dabei waren, waren überzeugt, daß Wildbad diesmal sogar Pesaro die Show gestohlen habe.

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