Kreative Szene in der Türkei : Angst setzt Kräfte frei

Sie lassen sich nicht zensieren oder zum Schweigen bringen: Wie die Kreativen der Türkei in Zeiten der Repression ihr widerständiges Potenzial entdecken.

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Was von der polizeilichen Zerstörung blieb. Der Pianist der Grup Yorum vor der Ruine seines Instruments im Clip zu „Kirilan Enstrümanlar“.
Was von der polizeilichen Zerstörung blieb. Der Pianist der Grup Yorum vor der Ruine seines Instruments im Clip zu „Kirilan...Foto: YouTube

„Zerbrochene Instrumente“ heißt das türkische Lied, das derzeit als Videoclip im Internet zirkuliert. Die Istanbuler Grup Yorum spielten die eindringliche Melodie auf den Trümmern der Instrumente, die ihnen nach einer Polizeirazzia in ihrem Übungsraum im Oktober geblieben waren: Geige und Gitarre sind eingedrückt, die Klappen der Flöte verbogen, und am Klavier ist nur noch eine einzige Oktave intakt. Inzwischen sitzt die komplette Truppe hinter Gittern; wegen angeblicher Terrorpropaganda wurden alle acht Künstler verhaftet. Das Video ist ein Aufschrei gegen den Ausnahmezustand, die Massenverhaftungen und die grassierende Gewalt in der Türkei.

Seit Monaten gilt der Ausnahmezustand. Zehntausende wurden verhaftet. Immer wieder erschüttern Bombenanschläge die Städte, im Südosten des Landes tobt der Krieg. Um die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst ist es schlecht bestellt – mehr als 150 Journalisten sitzen hinter Gittern, auch Musiker und Maler müssen sich vor Gericht verantworten. Die Kunstszene hat mit den klassischen Reflexen reagiert: erst Schockstarre, dann Fluchtreflex – und schließlich Kampfgeist.

Im Theater sind die Entwicklungen bereits angekommen. In dem Solo-Bühnenstück „Asiyan“ setzte sich die Dramatikerin und Schauspielerin Bihter Dincel im Istanbuler Ezop-Theater mit der psychologischen Wirkung der Bombenanschläge auseinander. „Heute sind vier Menschen vor meinen Augen gestorben, vier Menschen!“, schreit die Darstellerin. „Und wozu? Weißt Du, diese Frage stelle ich mir nun seit 23 Jahren.“

Ein paar Straßen weiter wird im Afife-Jale-Theater der Nationaldichter Nazim Hikmet gegeben. In „Gab es Ivan Ivanovic, oder gab es ihn nicht?“ thematisierte Hikmet den Personenkult um Stalin – das Stück wurde seinerzeit in der Sowjetunion nach dem ersten Spieltag abgesetzt. In Istanbul erkennen die Theaterbesucher ihr Land nur zu gut darin wieder, sagt Regisseur Emrah Eren. „Normalerweise ist das ja etwas, was ein Regisseur sich wünscht“, sagt Eren. „Aber jetzt würde ich mir doch lieber wünschen, dass es keine Parallelen zu erkennen gäbe – dass wir diese Zeiten nicht durchleben und dieses Stück nicht aufführen würden.“

"Es wäre nicht richtig, fortzugehen"

Auch die bildende Kunst bleibt von den Spannungen nicht verschont. Bei der Ausstellung „Contemporary Istanbul“ protestierten im vergangenen Monat nationalistische Demonstranten gegen eine Plastik des Künstlers Ali Elmaci, weil sie das Konterfei eines osmanischen Sultans und Kalifen auf dem Badeanzug einer Frau zeigte. Das Kunstwerk musste vorübergehend entfernt werden. Die Konfrontation auf der „Contemporary Istanbul“ sei nur ein Vorgeschmack auf das, was die türkische Gesellschaft noch erwarte, befürchtet der Maler Huo Rf – bürgerlich Hayrettin Ümit Özdogan. Ihm sitzt der Schreck von der Ausstellung noch in den Knochen: „Die politische Lage im Land degeneriert mit rasender Geschwindigkeit, und wir haben nicht die Kraft, die Entwicklung aufzuhalten.“

Das bedeute aber nicht, dass die Kunst sich zensieren oder gar zum Schweigen bringen lasse, sagt Huo. Zwar habe er nach dem Putschversuch im Sommer überlegt, ob er das Land verlassen solle. „Soll ich nach Europa? Oder nach Amerika?“, fragte sich der 28-jährige Künstler, der zuletzt in der renommierten Istanbuler Galerie Rampa ausgestellt hat. „Aber dann bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass es nicht richtig wäre, fortzugehen. Denn selbst wenn ich physisch fortgehen würde – innerlich würde ich bleiben, mit meinem Denken und Fühlen. Mein Schaffen ernährt sich von diesem Land und dieser Stadt.“

Diesen Widerstandsgeist hat der Schriftsteller und Kunstkritiker Kaya Genc bei vielen türkischen Künstlern beobachtet. Genc sieht in der schwierigen Lage in der Türkei einen kreativen Impuls. „Was hier politisch passiert, das schafft viel Material für die Kunst – das ist produktiv für Künstler und Kreative, denn aus dem Unbehagen können sie interessante und innovative Kunst schaffen,“ sagt Genc. Istanbul habe so viel erlitten in diesem Jahr. „Dieses Gefühl ist gut für die Kunst, denn Künstler leben von unsicheren Umständen.“

Viele türkische Künstler fühlen sich im Stich gelassen

Dabei bleiben die Künstler nun allerdings weitgehend unter sich. Vor ein paar Jahren noch zählte Istanbul zu den Hotspots der Kunstwelt. Künstler, Kuratoren und Käufer aus aller Welt drängten sich in den glitzernden Galerien von Beyoglu, die mit den Teehäusern, Krämerläden und Moscheen kontrastieren. Jetzt können die alten Männer von Beyoglu ihren Tee wieder ungestört trinken, denn die Ausländer kommen nicht mehr. Die internationale Kunstmesse Art Istanbul – abgesagt. Die internationale Biennale im westtürkischen Canakkale – abgesagt. Künstler, Kuratoren und erst recht Käufer bleiben der Türkei ebenso fern wie alle anderen Besucher, deren Zahl sich in diesem Jahr glatt halbiert hat.

Viele türkische Künstler fühlen sich dadurch im Stich gelassen, hat Kunstkritiker Genc beobachtet. „Aber letztendlich war die Reaktion der meisten Künstler: Dann werden wir eben noch aktiver, produzieren mehr Kunst, machen noch mehr Ausstellungen – als eine Art Widerstand gegen das, was im Land los ist.“ In Beyoglu pulsiert jedenfalls weiterhin das Leben, auch ohne ausländische Kunstliebhaber. Eine neue Energie liegt in der Luft, meint Genc.

Früher sei es um Champagner und Canapés gegangen und darum, wieviel Geld auf dem Kunstmarkt zu verdienen sei. „Aber es war eine Seifenblase: Es gab zu viel Geld und zu viel satte und behagliche Kunst, die Werke entstanden nicht aus echter, gelebter Erfahrung“, sagt er. „Aber jetzt sind die Künstler mittendrin in der Gefahr. Ich denke, wir werden kritischere, lebendigere, direktere Kunst zu sehen bekommen.“

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