Kreatives Schreiben : Aufzucht und Niedergang

Verderben die Studiengänge für Kreatives Schreiben die Literatur? Eric Bennett sagt Ja - und nimmt sich als Gegner die Keinmzelle aller Creative-Writing-Kurse vor, den Iowa Writers' Workshop

von
Das ist Literatur! Der amerikanische Schriftsteller Paul Engle unterrichtet Studenten des Iowa Writers' Workshop.
Das ist Literatur! Der amerikanische Schriftsteller Paul Engle unterrichtet Studenten des Iowa Writers' Workshop.Foto: Frederick W. Kent Collection of Photographs/University of Iows

Ein Schaf, wer bei Eric Bennetts Tirade wider die amerikanische Creative-Writing-Epidemie nicht um die deutsche Ecke denken würde. Und ein Schuft, wer auf diesem Weg das Deutsche Literaturinstitut Leipzig und den Hildesheimer Studiengang für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus gleich mit verdammen wollte. Denn wie könnte man den Iowa Writers’ Workshop, den Bennett als Keimzelle aller heutigen US-Programme im Eröffnungsessay des „Merkur“ attackiert (7/2014, 12 €), mit hiesigen Institutionen vergleichen? Während man sich hierzulande eher darüber grämen müsste, was bei der universitären Aufzucht und Pflege nicht herausgekommen ist, nämlich eine weithin sichtbare Blüte der jüngsten deutschen Literatur, müsste man in den Staaten eher darüber klagen, was dabei alles herausgekommen ist – wenn es hier wie dort nicht immer auf die Ausnahmebegabungen ankäme, auf Saša Stanišic oder Denis Johnson, den Bennett auch zu verachten scheint.

„Wie Iowa die Literatur plattgemacht hat“ resümiert zunächst, wie CIA- und Sponsorengelder dem 1936 gegründeten Workshop im Kalten Krieg zu Ruhm und Einfluss verhalfen, um dann mit so ziemlich allem abzurechnen, was dieser später hervorbrachte. Vor allem Frank Conroy, sein Leiter von 1987 bis 2005, kommt schlecht weg. „Die Stärke seiner Persönlichkeit übertraf die Größe seines Talents“, stellt Bennett fest. Das Pyramidenmodell des Schreibens, das der launische Conroy eisern verteidigte, ist ihm dafür ein Beispiel.

An der Basis stehen Grammatik und Satzbau, gleichbedeutend mit „Bedeutung, Sinn, Klarheit“. Darüber das sinnlich Wahrgenommene, noch etwas höher die Figurenerfindung und schließlich an der Spitze die gelungene Metapher. Mit diesem didaktischen Rezept lässt sich tatsächlich Literatur herstellen – aber eben nur eine Sorte. Bennett fordert gegenüber dieser aufs Handwerkliche fixierten Auffassung ein Recht auf intellektuelle Abstraktion und eine literaturhistorische Verantwortung, die nicht beim horizontlosen Herumschleifen am Gehörten, Gesehenen und Gefühlten haltmacht.

Dabei ist er über die allzu simple Frage „Kann man Schreiben lehren?“, auf die er „eher mit Trotz als mit Resignation“ zu reagieren empfiehlt, längst hinaus. Sein Plädoyer für denkerische Größe krankt unter anderem daran, dass ihm dafür kaum zeitgenössische Beispiele einfallen. Er selbst, ein abtrünniger Absolvent des Writers’ Workshop 2000, macht auch keine. Von ihm ist, was sowohl für seine These wie gegen sein individuelles Talent spricht, kein einziges Stück Literatur überliefert, das aktenkundig geworden wäre. Stattdessen hat er sich in die Literaturwissenschaft gerettet und lehrt heute Englisch am Providence College im Bundesstaat Rhode Island.

Die Kritiker haben sich denn auch sofort auf seinen zuerst im „Chronicle of Higher Education“ erschienenen Essay gestürzt. Tony Tulathimutte, selbst ein junger Iowa-Alumnus, hat auf www.salon.com mit „Stop Blaming Iowa“ eine rasante Entgegnung geschrieben, die Bennett unter anderem darauf hinweist, dass sich mit dem Amtsantritt von Samantha Chang 2006 das Klima noch einmal gewaltig geändert habe: Er rede über eine ferne Vergangenheit. Man darf Bennetts Essay ohnehin nicht allein lesen. Er erschien als Vorabdruck aus dem von Chad Harbach herausgegebenen Sammelband „MFA vs NYC“ (n+1/Faber), in dessen Titelessay Harbach eine Spaltung der amerikanischen Literatur diagnostiziert, die Jahr um Jahr in den Schreibprogrammen neue Master of Fine Arts produziert, auf die die Ostküstenverlage gerne verzichten – weil es schlicht zu viele Autoren gibt.

1975, so Harbach, existierten 79 Creative-Writing-Programme mit MFA-Abschluss, mittlerweile sind es 1269. Damit haben Autoren einerseits ein neues Auskommen gefunden, andererseits schieben sie eine Ausbildungslawine vor sich her, die sich ihrerseits in die Unis ergießt. Systematisch dargestellt hat dies zum ersten Mal der Anglist Mark McGurl in „The Program Era – Postwar Fiction and the Rise of Creative Writing“ (Harvard University Press). Wie auch immer: Bis die Deutschen, im Guten wie im Schlechten, eine solche Literaturgeschichte schreiben, dürften noch Jahrzehnte vergehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar