Kreativszene : Monster, Flügelkisten und Cartoons

Die Berliner Kreativszene kann sich über begeisterten Zulauf aus dem Ausland nicht beklagen. Die Hauptstadt wird weltweit als pulsierende Kunstmetropole wahrgenommen, doch den jungen Künstlern mangelt es an Ausstellungsmöglichkeiten.

Berlin - "Es war noch nie so gut wie jetzt." Johan Potma aus Amsterdam glaubt, dass seine Künstlerkarriere in Berlin einen Höhepunkt erreicht hat. Zusammen mit einem Freund aus San Francisco hat der 32-Jährige vor etwa einem Jahr eine kleine Galerie in Berlin-Friedrichshain aufgemacht. Das Viertel hat in den vergangenen Jahren gerade junge Künstler angezogen.

"Berlin wird weltweit sehr gehypt", sagt Potma. Es gebe so viele Möglichkeiten hier. "Miete einen Raum und mache einen Traum wahr." Die Wände von "Zozoville" schmücken farbenfrohe Bilder von lieben Monstern und vermeintlich hässlichen Phantasiefiguren. Potmas Hose ist ebenso bunt mit Farbklecksen übersät. Eine Künstlerkarriere sei in Berlin noch möglich, glaubt der Grafikdesigner. Amsterdam sei beispielsweise viel zu teuer.

"Etwas relaxed, etwas locker"

Berlin hat laut Potma einen eigenen Rhythmus: "etwas relaxed, etwas locker". Diese Einstellung könne man sich in Städten mit viel Konkurrenz wie London nicht erlauben. Wer hart arbeitet, schaffe es irgendwie. In Berlin habe er ganz klein angefangen: Jeden Sonntag hat er seine Werke auf dem Trödelmarkt um die Ecke angeboten. Er musste nach dem Studium erst einmal lernen, auch kommerziell zu denken.

Dass Berlin nach wie vor eine große Anziehungskraft gerade auf ausländische Künstler ausübt, weiß auch der Berufsverband Bildender Künstler (BBK). Etwa jeder dritte Künstler in Berlin hat einen ausländischen Pass. "Aber der Ruf von Berlin könnte sich rapide ändern", warnt der Berliner BBK-Vorsitzende Herbert Mondry. "Die Stadt hat zu wenig Ausstellungsmöglichkeiten. Das macht es für Künstler schwer, ihre Werke zu verkaufen." Nur rund fünf Prozent können überhaupt von ihren Werken leben, heißt es in einem Bericht der Stadt über die Ateliersituation. "Und auch Nebenjobs gibt es deutlich zu wenig", sagt Mondry.

Hartes Leben als freier Künstler

Das harte Leben der freien Künstler kennt auch Kathrin Göpfert. Seit der Geburt ihres Sohnes vor vier Jahren schlägt sich die gelernte Bühnenbildnerin mit ihrer Kunst und diversen Nebenjobs durch. Mal sind es künstlerische Workshops, mal Computergrafiken, die die 47-Jährige anbietet. Davon leben kann sie trotzdem nicht, sie ist auf die Unterstützung ihrer Familie angewiesen. "Es gibt einfach so viele Künstler in Berlin", klagt sie. Die Konkurrenz sei zu groß.

Wenn das Geld knapp wird, dann gestaltet sie das Leben anderer. Sie klebt und werkelt Erinnerungsstücke zusammen, die ihre Auftraggeber ihr bringen: die ersten Schuhe der Kinder, der erste ausgefallene Milchzahn oder Hochzeitsfotos. "Aber dabei bin ich ziemlich eingeschränkt", sagt Göpfert nachdenklich. Lieber setzt sie allerdings ihre eigenen Ideen um.

Not macht zwar erfinderisch, aber das reicht nicht immer. "Hier war vorher die KGB drin", sagt Wolfgang Kleinert von "Kunst und Kaffee", einer Cartoon-Galerie mit Coffeeshop. "KGB" steht oder stand für "Kunst gegen Bares". Dort konnten bis vor kurzem alle Künstler im Quartier ihre Werke in einem Gemeinschaftsverkaufsraum anbieten. Das Verkaufsnetzwerk hat sich nicht bewährt. "Wer in Berlin Kunst kaufen will, geht nicht nach Friedrichshain, sondern nach Mitte", sagt Kleinert. Der Unterschied sei deutlich zu spüren. Schließlich sei die Cartoon-Galerie, hinter der seit der Wende ein Verein steht, zuvor selbst dort gewesen. "Da war viel mehr Laufkundschaft", erzählt der Geschäftsführer. Für Friedrichshain seien die günstigen Mieten ausschlaggebend gewesen.

"Starkes Wirtschaftspotenzial"

Gerade im Vergleich zu anderen Kunstmetropolen in Europa sind es die niedrigen Quadratmeterpreise, die die Bundeshauptstadt für Kunstschaffende so anziehend macht. In Berlin leben laut BBK 4000 bis 5000 Maler oder Bildhauer. Eine großzügige Förderpolitik und die Atmosphäre seien entscheidend, dass Berlin künftig der Künstlermagnet schlechthin werden könne, sagt Andreas Schischlick von einem Unesco-Projekt zur Förderung der Kreativität in Städten auf der ganzen Welt. Allerdings gelte das in erster Linie für Künstler im Design-Bereich.

Dort sei ein "starkes Wirtschaftspotenzial", sagt Schischlick. Ähnliches habe sich in den vergangenen Jahren in den ehemaligen britischen Industriestädten abgespielt: Nach dem Zusammenbruch der klassischen Fabrikindustrie sei Design dort die einzige Branche mit Aufschwung für viele gewesen. Darin könnte auch Berlins Zukunft liegen, ist sich Schischlick sicher.

Im europäischen Vergleich hat die Bundeshauptstadt Schischlicks Einschätzung nach gute Chancen. "In Florenz und Rom passiert nichts mehr - die profitieren noch von ihrem Ruhm aus vergangenen Jahrhunderten." Um mehr Kreative im Design-Bereich zu locken, hat sich Berlin dem "Creative Cities Network" angeschlossen. Das Netzwerk richtet sich vor allem an Städte mit Potenzial. (tso/ddp)

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