Kreator live in Berlin : Und plötzlich sind wir im Krieg

Grüße aus der Dämonenwelt: Mit einem Clubkonzert stellten die Thrash-Metal-Meister von Kreator ihr neues Album "Gods of Violence" in Berlin vor.

Kirsten Riesselmann
Die Essener Metal-Band Kreator (Mitte) mit dekorativen Gästen.
Die Essener Metal-Band Kreator (Mitte) mit dekorativen Gästen.Foto: Robert Eikelpoth

Kreator. Ein neues Album. Das 14. in der 35-jährigen Bandgeschichte. Titel: „Gods of Violence“, Götter der Gewalt. Auf dem Cover: Ein Wesen mit Ziegenbockschädel, das in den Klauen einen Teufelsschädel hält, davor ein umgestürztes Kreuz und diverse saugnapfbewehrte Ekel-Tentakel.

Nun ja. Ein weiterer Ausdruck der nicht allzu sehr auf Innovation ausgerichteten Kulturtechnik Metal. Auch wenn Kreator, dieser erfolgreichste Teil des „deutschen Thrash-Metal-Dreigestirns“ (neben Sodom und Destruction), sich in den 90ern schon einmal zu einer experimentelleren, von den konservativen Fans gar nicht geschätzten Phase verstiegen hatten: Seit Beginn der nuller Jahre widmen sich die vier Herren wieder einem schnellen, harten, sich hier und da zu hymnenhafter Opulenz versteigenden Thrash- Sound, der sich gut beim Festival in Wacken machen wird.

„Gods of Violence“ hat ein paar richtig gute Stücke. Mastermind Miland „Mille“ Petrozza, Texter, Komponist und Sänger – nun ja, sagen wir lieber: „Vokalist“ –, verwaltet das etablierte Vokabular und die Fantasy-Horror-Bildwelten des Metal auf eine Art, die kaum eine gegenwärtigere, geradezu politisch-manifesthafte Dimension haben könnte.

Epochal-böse Geister der Depression brechen los

In den rasant-brutalen Opener „World War Now“ startet er mit den Zeilen „Suddenly we are at war / Supremacists have forced us to align“. Plötzlich also sind wir im Krieg, Rassisten zwingen uns dazu, Stellung zu beziehen. Genau so fühlt es sich an in diesen Wochen der Trumps, Le Pens, Höckes, Putins, Assads und IS-Idioten. Mille brüllt weiter, epochal-böse Geister der Depression brechen los, Aggressoren schlachten intellektuelle Verteidigungslinien hin, die Freiheit ist das letzte Opfer.

Es folgt: Ein ganzes Album voller Schreckensszenarien, die sich allerdings gar nicht mehr so kitschig, klischeehaft und ausgedacht anfühlen. Petrozzas Texte lassen durchblicken, dass hier die Metal-Stanzen aus der Satans- und Dämonenwelt eine zweite Ebene haben und somit als Gegenwartsdiagnostik eine ganz neue Daseinsberechtigung erhalten. Beim Hören erfährt man die herrliche Ventilfunktion dieser Art von Musik, die nicht nur überschüssiges Testosteron abfließen lässt, sondern den Frust über die ganzen Satansbraten da draußen gleich mit.

Mille Petrozza verzieht keine Miene und sagte keinen Piep

Beim Record-Release-Konzert im kleinen Kreuzberger Club Musik und Frieden ist dann aber nichts mit Politik und Haltung. Kreator stehen exakt 55 Minuten auf der Bühne, spielen Songs vom neuen Album und ein paar alte Hits, Petrozza verzieht keine Miene und sagte keinen Piep – außer „Ich möchte, dass ihr einen Moshpit macht!“ –, Bassist Christian „Speesy“ Giesler wirkt kraftlos, Gitarrist Sami Yli Sirniö spielt sich eher geduldig als passioniert durchs Set. Die Kutten- und Mattenträger hüpfen brav im Moshpit herum und trinken Bier. Manch einer war hinterher unschlüssig, ob sich die Anreise über Hunderte von Kilometern gelohnt habe.

Kreator also lieber mit dem Textbuch in der Hand zu Hause hören – und von einem Konzert (wieder: 18.2., Columbiahalle) vegan lebender Thrash-Metal-Recken aus Essen lieber keine Che-Guevara- Show erwarten.

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