"Kreatur" von Sasha Waltz : Stachel im Fleisch

Sasha Waltz zeigt nach langer Zeit wieder ein neues Stück in Berlin. Die Premiere von „Kreatur“ im Radialsystem überzeugte mit ausdrucksstarkem Tanz und avantgardistischem Design.

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Szene aus "Kreatur" von Sasha Waltz.
Szene aus "Kreatur" von Sasha Waltz.Foto: Luna Zscharnt

Umhüllt von einer filigranen Drahtwolke trippeln die Tänzer auf die Bühne des Radialsystems und tauschen geheime Zeichen aus. Wie Wesen von einem anderen Stern sehen sie aus. Unter dem silbernen Kokon zeichnen sich die Silhouetten der Körper ab, die zart und verletzlich wirken. Liza Alpicar, nur mit einem hautfarbenen Slip bekleidet, schält sich aus ihrer Hülle und schlüpft gleich wieder unter die Wolke einer größeren Tänzerin. Ungemein surreal wirkt das Anfangsbild von „Kreatur“ – es ist der Keim für die folgenden Szenen, die überraschend hart und aggressiv sind.

Sasha Waltz hat seit 2005 keine Uraufführung mehr in Berlin herausgebracht. Ihr neues Stück wurde deshalb mit Spannung erwartet, zumal Waltz als künftige Co-Intendantin des Staatsballetts Berlin besonders im Fokus der Aufmerksamkeit steht. Waltz hat immer schon den engen Dialog mit Künstlern aus anderen Disziplinen gesucht. In „Kreatur“ hat sie erstmals mit der niederländischen Modedesignerin Iris van Herpen und den Musikern des Soundwalk Collective, das zwischen New York und Berlin pendelt, zusammengearbeitet. Ein Glücksfall für Sasha Waltz, die die neuen Impulse aufgreift, ihre Bewegungssprache schärft und weiterentwickelt.

Skulpturale Kostüme aus Metall

Die Kostüme von Iris van Herpen sind spektakulär. Die Niederländerin hat schon für Lady Gaga und Björk Kleider kreiert. Ihre avantgardistischen Entwürfe sind zwischen dem Technischen und Organischen angesiedelt. Für „Kreatur“ hat sie neben den skulpturalen Kostümen aus Metall auch Laser-Cut-Kleidung entworfen, die mit dem 3-D-Druck hergestellt werden. Die wellen- oder netzartigen Muster verändern sich, wenn die Tänzer sich bewegen. Wie ein Stamm urbaner Wilder mutet das Kollektiv der Tänzer an, das sich mit mit aggressiven Gesten gegen eine unsichtbare Bedrohung wappnet. Oder mit kantigen Bewegungen zu hämmernden Rhythmen tanzt wie ekstatische Techno-Jünger. Dann wieder erinnern sie an ein wütendes Tierrudel. Immer wieder stellen sich Assoziationen des Animalischen ein in „Kreatur“. Es ist ein sehr düsteres Stück, das unter dem Eindruck der aktuellen Krisen entstanden ist.

Sasha Waltz wirft einen Blick in die Abgründe der Seele. Die Bühnen-Kreaturen sind gefangen in ihren Ängsten und Trieben. Es geht um Macht und Ohnmacht, Dominanz und Hilflosigkeit, Isolation und Ausgrenzung. Immer schwingt hier eine latente Bedrohung mit. Verstärkt wird dies durch die tolle Musik des Soundwalk Collective, das elektronische Sounds mit Aufnahmen aus Industrieanlagen kombiniert und mit unterschiedlichen Klangintensitäten spielt.

Tanz mit dem Monster

Das Kostüm aus Regenschirmstangen verwandelt Clémentine Deluy in ein Stacheltier. Die Metallstäbe zwingen zur Distanz – und so schüttelt Deluy sich erst in Rage und attackiert dann die anderen. Zitternd haben sie sich in einer Reihe aufgestellt, keiner weiß, wer das Opfer sein wird. Yael Schnell schmiegt sich furchtsam an das Monster und wagt einen Tanz, um ihre Haut zu retten. Wenn die Tänzer schließlich einen engen Kreis um die wütende Kreatur bilden, verliert sie ihre Stacheln. Immer wieder sieht man, wie die Performer sich aneinanderdrängen, auf der Suche nach Schutz. Doch wenn das Kollektiv zerfällt, beginnen wieder die Machtspiele, bei den die Tänzer sich bedrängen und herumkommandieren. Die sexuellen Ausschweifungen, die von dem Song „Je t’aime“ untermalt werden, haben etwas Tristes. Auch hier tut man dem anderen schon mal weh oder lässt ihn ganz schnell fallen. Man spürt ein schmerzliches Sehnen, die Abwesenheit von Liebe.

Visuelle Kühnheit und starke Statements

In den letzten zehn Jahren hat Sasha Waltz meist choreografische Opern herausgebracht – was sie in ihrer künstlerischen Freiheit einschränkte. Nach all diesen aufwendigen Produktionen hatte sie das Bedürfnis, wieder an die ihr vertraute Arbeitsmethode anzuknüpfen, die kreatives Forschen und Experimentieren erlaubt. Die Choreografie hat sie in intensivem Austausch mit ihren Tänzerinnen und Tänzern entwickelt. Radikal, oft auch roh wirkt der Tanz. Und manchmal fühlt man sich bei „Kreatur“ an das bahnbrechende Stück „Körper“ erinnert, etwa wenn die Leiber durch Folien verzerrt werden.

Visuelle Kühnheit paart sich hier mit einem starken künstlerischen Statement. Sasha Walt packt die Zuschauer bei ihren kollektiven Ängsten. Sie zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die auseinanderzufallen droht, deren Bindekräfte erschöpft scheinen. „Kreatur“ ist ein Stück, das unter die Haut geht – auch dank der ausdrucksstarken Tänzer.

Die Vorstellungen im Radialsystem sind alle ausverkauft. „Kreatur“ läuft wieder beim Festival Tanz im August

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