Kultur : Kreischen wider den Satan

Und ein paar sanftere Töne: das neue Album der White Stripes

Nadine Lange

Jack White ist ein Konservativer. Er wünscht sich die Moralvorstellungen der guten alten Zeit zurück, als die Männer noch Gentlemen und die Frauen „sweethearts“ waren. Sein Traum ist eine Welt, in der Kinder höflich zu ihren Eltern sind und die Jugendlichen nicht mit Piercings herumlaufen. Whites Gegenprogramm ist radikal: „Ich halte Spaß permanent auf allen möglichen Ebenen von mir fern“, sagt der Sänger und Gitarrist der White Stripes in Denise Sullivans Bandbiografie („White Stripes“, Hannibal, 19,90 €). Der 29-Jährige trinkt keinen Alkohol und nimmt keine Drogen – Rauchen ist seine einzige Sünde.

Auch die konsequent rückwärts gewandte Musik seiner Band umstellt er mit Einschränkungen. Von Beginn an benutzten Meg und Jack White nur Gitarre, Schlagzeug und Gesang und folgten der alten Regel „Rhythmus, Melodie, Story“. Zudem gilt ein Farbkodex für Kleidung und Artwork: Zugelassen sind nur Schwarz, Weiß und Rot. Alle White-Stripes-Richtlinien bestehen aus drei Komponenten. Denn die Drei ist die magische Ziffer des Christentums. Katholik White benutzt die Zahl als Zeichen gegen das Böse.

Eingesperrt in das strikte Regelsystem wirkt das Duo aus Detroit stets etwas verbissen. Doch der Rockmusik haben die beiden mit ihrem Streben nach dem wahren, ehrlichen Song einen starken Impuls gegeben. 2003 gelang ihnen mit „Elephant“ der Durchbruch. Es war die Konsensplatte des Jahres: Sie verkaufte sich mehr als drei Millionen Mal und wurde von der Kritik bejubelt. Mit ihrer krachigen Mischung aus Rock, Folk und Blues setzten sich die White Stripes an die Spitze des Retro-Rockrevivals. Großen Anteil daran hatte die Single „Seven Nation Army“, mit deren markantem Riff sich Jack White einen Platz in der Musikgeschichte gesichert hat. Interessanterweise spielte er es auf einer präparierten Gitarre, die klang wie ein Bass – eines der verbotenen Instrumente.

Jetzt wagen die White Stripes sich noch ein Stück weiter aus ihrem Gefängnis: Beiläufig verabschieden sie sich auf ihrem gestern erschienenen fünften Album „Get behind me Satan“ (XL Records/Beggars Group) von der Dreifaltigkeit von Gitarre, Drums und Gesang. Sie erlauben ein Klavier! Auf früheren Platten tauchte es gelegentlich schon auf, jetzt übernimmt es eine Hauptrolle. Jack White spielt gern in den Bassregistern und lässt dafür seine Airline-E-Gitarre für neun der 13 Stücke im Schrank. Neu ist auch eine Marimba, in einem Stück spielt sogar ein Bass mit. Der rohe White-Stripes-Sound bleibt trotzdem erkennbar.

Die Platte beginnt mit der aggressiven Single „Blue Orchid“, bei der Whites Gesang an Robert Plant erinnert. Dazu spielt er ein wütendes Metal-Riff, das offenbar dabei helfen soll, den Streit zu gewinnen, den er kryptisch beschreibt. Der Gegner scheint Satan zu sein. Dessen Name fällt zwar nicht, doch lässt sich die Refrainzeile „Get behind me“ leicht um „Satan“ aus dem Albumtitel ergänzen. Auch die Schnapszahl des 6.6. als Veröffentlichungsdatum deutet darauf hin, dass sich die White Stripes derzeit stark mit Tod und Teufel beschäftigen. Zudem zeigt sich Jack White neuerdings häufiger in Schwarz als in Rot. Auf dem Cover sieht er aus wie Johnny Depp in Jim Jarmuschs „Dead Man“.

Finster geht es auch in „The Nurse“ zu: Der Song beschreibt die Angst, von einer Krankenschwester vergiftet zu werden. Eingeleitet durch Marimba und Rassel singt White eine schlafliedhafte Melodie, die von Lärmausbrüchen zerfetzt wird – Todesangst überwältigt den Kranken. Einer der besten Songs ist „Take, take, take“. Zu Akustikgitarre, Rassel und Saloon-Piano erzählt White, wie er Rita Hayworth um ein Autogramm bittet. Das Lied entwickelt einen coolen Groove und kommt sogar ohne Refrain aus. Stattdessen kurze Lärm-Breaks.

Die Platte versammelt zudem zwei countryeske Stücke, zwei typische WhiteStripes-Bluesnummern und die wunderschöne Folkballade „As ugly as I seem“. Meg White hat einen Mini-Gesangsauftritt. In 38 Sekunden mahnt sie die Frauen: „You need to know the difference between a father and a lover.“ Das Inzest-Thema spielen die Ex-Eheleute, die sich früher als Geschwister ausgaben, noch ein weiteres Mal an. So bleibt das Duo auf der alten Linie – und wagt doch kleine Ausfallschritte.

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