Kultur : Kreuz der Achse

Sandra Luzina

Der kahlrasierte Schädel leuchtet grün im Dunklen. Ein markanter Kopf: Cesc Gelabert ist ein Tänzer, dessen Ausdruck changiert zwischen Denker, Schalk und Faun. Seit 30 Jahren reist der Mann aus Barcelona als Tänzer und Choreograf um die Welt, auch in Berlin hat er treue Anhänger. Zum Abschluss des Tanz-Winters zeigte er mit "Preludis" eine tänzerische Introspektive, eine Selbstbefragung als Künstler. Zwölf geschwungene Lichtobjekte von Frederic Amat sind im Kreis angeordnet. Eine Lebens-Uhr, ein Gestaltenkreis, in den Gelabert vorsichtig eintritt. Zunächst ist da nur ein unbestimmtes Suchen, weich zerfließende Bewegungen. Dann ein Ringen um die Form. Präludien von fünf Komponisten, von Bach bis zu Carles Santos, von Jordi Camell am Klavier vehement vorgetragen, geben eine immense Skala an Empfindungen und Stimmungen vor. Gelabert zeigt vor allem den Antagonismus zwischen strenger Form und unbändigem Ausdruckswillen. Sein Soloabend bewegt sich zwischen Verinnerlichung und Entäußerung, Exstase und Stille.

Immer wieder ein Innehalten, die Reduktion der Bewegung auf das Wesentliche. Deutlich ist der Einfluss von Gerhard Bohner zu spüren, dessen Werk "Im (Goldenen) Schnitt" Gelabert neu einstudiert hat. Aus einer tiefen Vorbeuge richtet er sich langsam auf, breitet die Arme aus, um ein Achsenkreuz zu markieren. Eine permanente Arbeit an der Form, der er sich annähert, die er befragt, aus der er herausfällt - das erscheint hier als die große Aufgabe. Der Tänzer nimmt sich sehr zurück, und ist doch verspielter als Bohner. Und so ist "Preludis" auch ein Spiel mit unterschiedlichen Rollen. Mit pagodenförmiger Mütze ist er der Meister, der auf Selbsterhebung und Selbststeigerung aus ist. Ein fiebriger Rausch. Dann der Körper, der gestützt werden muss, der fragil erscheint. Die Bewegung, die neu buchstabiert werden muss.

Cesc Gelabert zielt auch auf die Freiheit, sich immer neu zu erschaffen. Einmal ist der Kreis durchschritten, dann durchläuft er ihn nochmals in schnelleren Tempo. Manchmal streift "Preludis" die Exaltationen eines Künstlerdramas. Doch Gelabert weiß beides zu verbinden: Reise ins Ich und Reflexion über Zeit und Sein. Sein Stilempfinden schützt ihn vor dem aufdringlich Bekenntnishaften. Neben Momenten der Anfechtung und Schwäche, der Ratlosigkeit, ist auch ein Gefallen an der Selbstbetrachtung. Das Älterwerden muss nicht selbstquälerisch sein: das zeigt sein intimes Solo.

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