Kultur : Kreuzberg komplett

Krankenhaus, Besetzerhaus, Künstlerhaus: Das Bethanien ist eine Institution. Jetzt will der Bezirk das Gebäude loswerden. Eine Visite.

Christiane Rösinger

Ab 1985 bin ich zwei Mal am Tag über den Mariannenplatz zum Bethanien gelaufen, um meine Tochter zum Kinderhaus in der Waldemarstraße zu bringen und wieder abzuholen. Die Muskauer Straße entlang über die Wrangelstraße, dann über den spärlichen Rasen oder die Theatermulde links vorbei am Hauptgebäude. Im milchigen Morgennebel verschwanden die schlanken Türme manchmal fast ganz, im Sonnenlicht glänzten sie, und das Bethanien wartete wie ein Märchenschloss in der Ferne.

Einen Herbst lang sah ich jeden Morgen ein Mädchen auf einem weißen Pony um das Theaterrund reiten, wahrscheinlich kam es vom nahe gelegenen Kinderbauernhof. Andere Kinder zogen ihre Akkordeons auf Wägelchen über den Platz, schulterten Gitarrentaschen und schleppten Celli rüber zur Musikschule, ab vier Uhr nachmittags radelten Mütter und Väter an, um sie wieder aus den Kindergruppen abzuholen. Sonntags lagerten dann grillende Familien auf dem Rasen, rüstige Rentnerinnen kamen, fröhlich untergehakt, aus dem Seniorenzentrum. Meine Band probte im Keller eines Seitengebäudes. Das Bethanien sah nicht nur aus der Ferne aus wie ein neugotisches Disneyschloss, es war auch ein Kreuzberg-Disney, keine Kiezidylle, aber ein Themenpark mit allem, was zu Kreuzberg dazugehört. Einschließlich der Heroinhändler am Klohäuschen, verhaltensauffälligen Jugendlichen, Punkerhunden mit Banditenhalstüchern und zertrampelten Beeten. Heute erscheinen diese Bilder von gestern wie eine schöne Utopie.

Das Bethanien steht zur Disposition. Nicht mehr machbar, nicht bezahlbar, nicht mehr so richtig gewollt. Schon am 10. Oktober 2002 hat die Bezirksregierung beschlossen, das Gebäude zu verkaufen, was damals noch niemanden groß aufgeregt hat. Als einziger Interessent ist ein privater Investor aus Bad Homburg geblieben, er wollte ein „internationales kulturelles Gründerzentrum“ aus dem Hauptgebäude machen, Cafés, Restaurants, kleine Gärten, Galerien und Lofts sollten dort entstehen. Das hörte sich nicht gut an, fanden einige Kreuzberger und gründeten die Initiative „Zukunft für Bethanien“. Die will nun einen Bürgerentscheid anstrengen, um Verkauf und Privatisierung zu verhindern, und sich für ein soziokulturelles Zentrum Bethanien einsetzen.

Die Leute von der Initiative treffen sich einmal in der Woche beim traditionellen „Kiezpalaver“ im verstaubten Casino im Erdgeschoss. Zwischen ausrangierten Möbeln und der alten Kühltheke sitzen dort über 70 Bethanienfreunde und Vertreter verschiedener politischer und sozialer Initiativen. Man spricht über die Probleme im Kiez, eine Gruppe türkischer Mütter hat sich zusammengetan, weil die kleinen Kinder jetzt schon von den ansässigen Dealern zu Kurierdiensten eingespannt werden. Und es geht ums Bethanien. Die nötigen Formalitäten, um das Bürgerbegehren anzuschieben, sind erledigt, aber keiner weiß genau, was der Bezirk eigentlich will. Fest steht bloß, dass Bethanien mit seinen 600000 Euro Unterhaltskosten im Jahr dem Bezirk vor allem ein Klotz am Bein ist.

Ach Bethanien! Symbolträchtiger Ort, mythischer Ort. Biblischer Ort, Dorf bei Jerusalem an der Ostseite des Ölbergs. Wohnort des kranken Lazarus, den Jesus wieder zum Leben erweckte, und seiner Schwestern Martha und Maria.

In seinen Gründerjahren hatte das Berliner Bethanien noch einen hohen Förderer. Das zwischen 1845 und 1847 errichtete Diakonissenkrankenhaus war ein Lieblingsprojekt Friedrich Wilhelms IV. Die Monarchie sorgt für die Kranken – dies war eine wichtige Botschaft im Zeitalter der beginnenden Industrialisierung. Die „gefährliche“, weil tendenziell revolutionäre Arbeiterklasse wurde immer größer. Bis heute erinnert die imposante Eingangshalle mit hohen filigranen Säulen und der Galerie eher an eine Kirche. Im Revolutionsjahr 1848 hatte Theodor Fontane hier eine Stellung als Apotheker angetreten, er blieb 15 Monate und wohnte im Ärztewohnheim. Im Erdgeschoss des Hauptgebäudes ist heute noch hinter einer Glastür seine Apotheke im Originalzustand zu betrachten.

„Weit entlegen vom Geräusch der Stadt und nur leider in einer zu kahlen, baumlosen Gegend liegt Bethanien, die seit einigen Jahren errichtete Diakonissenanstalt“, berichtet Karl Gutzkow 1854 in seiner „Ästhetik des Hässlichen“. Das Leben in der neuen Diakonissenanstalt beschreibt er später in seinem Roman „Die Diakonissin“. Damals lag das neue Krankenhaus noch südöstlich von Berlin, im „Köpenicker Feld“. Aber die Stadt wuchs.

Im Rahmen der Planung für das Neubauviertel Luisenstadt bettete der Gartenarchitekt Lenné das neugotische Ensemble in einen Park ein. In der Nachbarschaft entstand, zu Ehren von Maria Anna, Prinzessin von Preußen, der Mariannenplatz. Die Thomaskirche, deren Fenster zu Mauerzeiten zugemauert waren, ist wieder Sitz der St.-Thomas-Gemeinde, das Krankenhaus nebenan überstand zwei Weltkriege und die Nazidiktatur. Erst der Kalte Krieg machte ihm den Garaus. Nach dem Arbeiteraufstand 1956 kamen fast keine Patienten mehr aus dem Ostteil der Stadt ins Bethanien. Das Krankenhaus wurde zahlungsunfähig und verkaufte das Gelände an den Bezirk. Der gab es 1968 zum Abriss frei. Ein moderner Wohnkomplex samt Autobahnanbindung sollte hier entstehen, auf dem nahe gelegenen Oranienplatz war ein Autobahnkreuz geplant. Doch Proteste der Anwohner, der Hausbesetzer und des Bundes deutscher Architekten verhinderten den Abriss.

Das ehemalige Schwesternhaus Martha Maria wurde im Dezember 1971 nach einem „Ton Steine Scherben“-Konzert besetzt und nach dem Studenten Georg von Rauch benannt, der wenige Tage zuvor bei einer Schießerei mit der Berliner Polizei erschossen worden war. Ins Rauchhaus zogen jugendliche Trebegänger, damals nannte man sie „entlaufene Heimzöglinge“, Lehrlinge und Jungarbeiter ein. Seither gilt es als erstes besetztes Haus von Berlin, auch wenn das so nicht ganz stimmt. Aber Bethanien ist ein Politmythos.

„Das ist unser Haus, schmeiß doch endlich Schmidt und Preß und Mosch aus Kreuzberg raus!“, sangen „Ton Steine Scherben“. Die berühmten Eingangszeilen ihres Rauchhaus-Songs : „Der Mariannenplatz war blau, so viel Bullen waren da“ werden heute immer noch gerne zitiert.

Als die damals noch blau gewandete Polizei vertrieben war, blieben die Besetzer im Rauchhaus. Der Bezirk übernahm das Bethanien, ab 1974 zogen kulturelle und soziale Einrichtungen in das Gebäude. Die bekannteste ist wohl das Künstlerhaus im Hauptgebäude, das sich die Förderung zeitgenössischer Künste und Künstler zur Aufgabe gemacht hat. Internationale Gäste werden hier betreut und beherbergt. Außerdem betreibt das Künstlerhaus eigene Werkstätten und Ateliers. Im alten Ärztewohnheim befindet sich noch immer das Grundschulprojekt Pestalozzi-Fröbel-Haus, im Feierabendhaus der Krankenschwestern sitzt das Kinderhaus Waldemarstraße, in den Wirtschaftsgebäuden und der Wäscherei an der Adalbertstraße sind Jugendeinrichtungen von Bezirk und Senat untergebracht. Eigentlich gehören auch die Thomaskirche, die Wagenburg Kreuzdorf, Grünanlagen, Spielplätze und das Freiluftkino zum Ensemble. Aber so groß denkt heute niemand.

Im betürmten Hauptgebäude sind nur noch vier Institutionen ansässig, das Künstlerhaus Bethanien, Druckerwerkstatt, die Musikschule Kreuzberg und Kunstraum Kreuzberg. Der Rest ist leer. Die türkische Kemal-Bibliothek im Erdgeschoss ist längst ausgezogen, das Seniorenzentrum wurde geschlossen, das Casino hatte früher einen günstigen Mittagstisch angeboten, jetzt wird es nur noch selten für Veranstaltungen genutzt. Recht traurig wirken die verlassenen Einrichtungen, selbst den viel zitierten „morbiden Charme“ sucht man hier vergebens.

Aber das Bethanien hat auch neue Bewohner. Am 11. Juni dieses Jahres hing plötzlich wieder ein Laken mit der Aufschrift „Bethanien ist besetzt“ über der Eingangstür. Es wirkte wie ein Déjà-vu. Nachdem das Wohnprojekt in der Yorckstraße 58 geräumt worden war, hatten die Bewohner ein Straßentheaterfest auf dem Mariannenplatz genutzt, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Die besetzen Räume standen wie vor über 30 Jahren wieder leer, das schäbigste Sozialamt Berlins war ausgezogen. Den Betrieb im Vorderhaus störten die neuen Bewohner eigentlich nicht. Aber die Erben der Besetzung von 1971 fühlten sich dennoch bedrängt. Christoph Tannert, der Leiter des Künstlerhauses, schickte per E-Mail elektronische Hilfeschreie durch die Stadt. Sein Haus sei belagert. Außerdem schreckt die Besetzung die letzten Investoren ab.

Schon Monate zuvor hatte Tannert in einem Interview das Chaos und die Trostlosigkeit auf den verkommenen Bethanien-Gängen beklagt und die Privatisierung des Hauses begrüßt. Gespräche mit den Besetzern lehnt er prinzipiell ab. „Der will mit uns nichts zu tun haben, nennt uns Kretins und unterstellt uns Rabaukenhaftigkeit“, klagt eine der neuen Besetzerinnen.

Es ist Sonntag, und es ist heiß draußen, der Mariannenplatz bunt von Menschen und das Hauptgebäude von Bethanien ist gar nicht mehr leer, sondern voll mit Besuchern. Auf den Fluren hört man viele Sprachen, draußen, in der zurechtgezimmerten Holzbuchstabenstadt „City of Names“ findet die Abschlussveranstaltung der Ausstellung statt. Zum Live-DJ-Set besprühen die jungen Street-Art-Künstler den Bretterzaun des kleinen Holzdorfes auf dem Mariannenplatz. Die Kinder aus der Nachbarschaft spielen in den kleinen Holzhäuschen, die vorwiegend jugendlichen Besucher sitzen auf den Treppenstufen und sehen sich die Graffiti-Performance an, neugierige Passanten bleiben stehen und schauen zu. Es wird behelfsmäßig gegrillt und preiswert getrunken. Eine Kreuzberg-Idylle, die der Bezirk sich nicht mehr leisten kann und will.

Aber wem gehört das Bethanien? Gehört es dem Künstlerhaus, den Besetzern, dem Bezirk, den Kreuzbergern, Berlinern oder einfach jedem, der es bezahlen kann?

Eine Privatisierung bedeutet Vernichtung öffentlichen Raums. „Das werden die Kreuzberger nicht so leicht hinnehmen. Es ist immer noch unser Bethanien!“, sagt die Vertreterin des Attac-Büros Berlin beim letzten „Kiezpalaver“. Sie spricht vielen Anwohnern damit aus dem Herzen. In Kreuzberg geht seit 1989 die Angst vor der Yuppisierung des Bezirks um, aber aus dem Mariannenplatz wird nie ein zweiter Kollwitzplatz werden. Die Bewohner sind zu arm, sich zu sehr der eigenen Geschichte bewusst, zu renitent. Und wenn der Bezirk das Bethaniengebäude weiter verkommen lässt, wenn die bestehenden Institutionen durch weitere Einschnitte im Etat bedroht sind, wenn das Gebäude gar an den Liegenschaftsfonds des Landes übergeben wird, wäre eine teilweise Privatisierung vielleicht sogar das geringere Übel. Nur geht auch hier nichts voran. Die Verhandlungen mit dem Investor sind nach zwei Jahren nun auf Eis gelegt, ein ernsthaftes Konzept ist nicht bekannt. Fast könnte man vermuten, es handle sich um bloße Scheinverhandlungen, um Tricksereien und Immobilienschiebereien.

Stephane Bauer vom Kunstraum Kreuzberg sieht im Mangel einer vernünftigen Trägerstruktur das Hauptproblem Bethaniens. Der Bezirk könne die verschiedenen Nutzer nicht mehr alleine koordinieren. Nach dem Mauerfall stand das Bethanien plötzlich nicht mehr mit dem Rücken zur Mauer, am Ende der Welt, sondern mitten in der Stadt. „Und dieser veränderten geopolitischen Lage hat keiner Rechnung getragen.“ Bauer wünscht sich eine stärkere kulturelle Nutzung für das Haus, mehr Laufpublikum, mehr Internationalität, eine bessere Anbindung zum Bezirk, eine Öffnung für andere Künste, für Musik, Tanz, Mode.

Eine Künstlerberatung, Kultureinrichtungen wie das „Werkbund Archiv“ oder andere Sammlungen könnten in die leeren Flure ziehen. Das Haupthaus solle der Kunst und Kultur gewidmet sein, in den Seitengebäuden könnten die Initiativen, die sozialen Projekte, die Yorckis unterkommen, warum nicht auch ein Café oder Restaurant als Ausbildungsprojekt, das auch noch ein bisschen Geld einbringt. Die Gärten und Freiflächen sollten eingebunden werden und mehr gemeinsame Projekte der Nutzer entstehen. Ein Finanzierungskonzept für Bauers Utopie gibt es allerdings noch nicht.

Wie wird der Kampf ums Bethanien weitergehen? Wird der Mariannenplatz bald wieder blau sein? Möglich ist alles, schließlich soll die Berliner Polizei ab 2006 wieder blaue Uniformen tragen. Doch die jugendlichen Sympathisanten von 1971 gehören heute der Generation 50 plus an, sie werden ihre morschen Knochen wohl kaum im Straßenkampf riskieren wollen. Aber ein Finale am Mariannenplatz steht an.

Während der Fußball-Weltmeisterschaft im nächsten Juli soll hier ein „streetfootballworld“, ein internationales Straßenfußball-Festival stattfinden. Ein kleines Stadion wird in Form eines halb geöffneten Kolosseums aus 40 Containern errichtet werden, so dass eine neun Meter hohe Arena entsteht. Die 24 Teams aus fünf Kontinenten sollen in den leer stehenden Räumen des Bethanien untergebracht werden. Bezirksbürgermeisterin Cornelia Reinauer (PDS) freut sich schon darauf : „Mit seinen kulturellen und sozialen Besonderheiten ist der Bezirk prädestiniert für dieses Festival.“

So bleibt uns das Bethanien wenigstens noch bis zur WM 2006 erhalten. Es eignet sich hervorragend zur Imagewerbung: weltoffen, multikulturell und ein bisschen chaotisch. Denn wie heißt es doch in der letzten Strophe des Rauchhaus-Songs von „Ton Steine Scherben“: „Der Senator war stinksauer, die CDU war schwer empört, dass die Typen sich jetzt nehmen, was ihnen sowieso gehört. Aber um der Welt zu zeigen, wie großzügig sie sind, sagen sie: Wir räumen später, lassen sie erst mal drin!“

Christiane Rösinger war Texterin und Sängerin der „Lassie Singers“ und Gründerin der Band „Britta“.

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