Kultur : Kreuze oder Konzepte

Kultursenator Flierl und das Mauergedenken

Bernhard Schulz

Nicht umsonst, hat Berlins Kultursenator Thomas Flierl unlängst erklärt, gehe man „von einem Zeithorizont bis 2011 aus“. Die Floskel „nicht umsonst“ bezieht sich auf die zunächst kleinkarierten wirkenden, in ihrer Summe jedoch turmhohen Schwierigkeiten, die sich der Verwirklichung eines umfassenden Konzepts zum Gedenken an die Mauer und die Berliner Teilung entgegenstellen.

Da ist das Wohnhaus, das im ehemaligen Mauerstreifen an der Bernauer Straße entsteht und für das seit Jahren eine Baugenehmigung vorliegt – jenes Amtes übrigens, dem der jetzige Senator früher als Baustadtrat vorstand. Da sind Grundstücke, die dem Bund gehören, angeblich aber millionenteuer erworben werden müssten, und andere Privateigentümer ausgerechnet an der weltweit bekanntesten Stelle des Mauer-Wahnsinns, dem einstigen Checkpoint Charlie. Und da ist ein Konzept, das Flierl, dieser stille, aber einflussreiche Denker der Berliner PDS, zwar spät, aber doch zu allgemeiner Zufriedenheit angekündigt hat. Nun aber, so hat es den Anschein, versucht er dessen Realisierung auf den St.-Nimmerleinstag zu verschieben.

Gewiss ist es leicht, alles auf die Euphorie der unmittelbaren Nachwendezeit zu schieben, als die Mauer von den Mauerspechten zerkleinert wurde, die Grenzstreifen planiert wurden und jedwedes Ding verschwand, das irgendwie an die Teilung erinnerte. Natürlich war Berlin froh, den verbrecherischen Irrsinn aus dem Blickfeld zu tilgen. Dabei gingen die Interessen von West und Ost verdächtig nahtlos ineinander. Der Freude über die Beseitigung aller Grenzhindernisse entsprach die Entlastung, die sich die DDRFunktionseliten vom Verschwinden ihres Zwangsapparats moralisch erhoffen durften. Dass die Mauer weder für Ost noch West ein Ruhmesblatt darstellte, sondern das sichtbare Eingeständnis des Scheiterns der auf die Niederringung des jeweiligen Gegners gerichteten Politik, diese Erkenntnis wurde mit ihrer Beseitigung gleich mit entsorgt. Die Mauergedenkstätte, die 1993 im parteiübergreifenden Kompromiss an die innerstädtische Randlage der Bernauer Straße verbannt wurde, konnte die Erinnerungslücke nicht füllen. Schön, dass zumindest diese Fehlentscheidung mittlerweile eingestanden ist.

Mit anderen Fehlentscheidungen tut Flierl sich schwer. Das Mauermuseum am Checkpoint Charlie, seit Jahrzehnten eins von Berlins beliebtesten Museen, kam spät, aber zum richtigen Zeitpunkt auf den Gedanken, an genau dieser Stelle aller Maueropfer zu gedenken. Die 1065 Holzkreuze, die übrigens eine weit höhere Anzahl von Opfern der DDR-Grenztruppen auswiesen, als DDR-Sympathisanten je zuzugeben bereit waren, mochten propagandistisch wirken – aber sie wirkten. Sie trafen einen Nerv: den Nerv der Empathie, des historischen Gedenkens. Deshalb wirkt Flierls Hinhaltetaktik umso ärgerlicher. Einen „Zeithorizont bis 2011“ darf die Öffentlichkeit einem Berliner Senator nicht durchgehen lassen. Verdrängen der Geschichte ist kein Rezept, weder beim NS-Regime noch bei dem der SED. An die Teilung und ihre Opfer umfassend und würdig zu erinnern, ist keine lästige Nebenaufgabe, sondern eine Bringschuld des vereinten Berlin. Und, 15 Jahre nach der Wiedervereinigung, eine dringliche.

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