Kultur : Kreuzende Kulturen: Chips und Schiffe

Christian Huther

Der Titel ist ein Zungenbrecher: "Shipped Ships" meint drei kleine Passagierschiffe, die mit Containerfrachtern nach Frankfurt am Main gebracht wurden. Dort kreuzen sie ab heute mit ihrer jeweiligen Heimatcrew einen Monat lang auf dem Main. Es gibt elf Anlegestellen zwischen Gerbermühle und Griesheim; Museumsufer und die Innenstadt sind ab sofort vom frühen Morgen bis zum späten Abend gut erreichbar. Die Schiffe kommen aus Istanbul, Venedig und dem japanischen Shingu, sie bieten Platz für 57 bis zu 199 Personen. Eine Fahrt kostet zwischen 50 Pfennig und einer Mark.

Die Idee stammt von der türkischen Künstlerin Ayse Erkmen, die in Istanbul und Berlin lebt und an der Frankfurter Städelschule lehrt. Die 52-Jährige lässt sich gerne auf die Umgebung ein, arbeitet assoziativ, poetisch und spielerisch. So ließ sie 1997 bei den "Skulptur. Projekten" in Münster mit dem Hubschrauber Skulpturen über den Dom fliegen - ein Kommentar zur Vermittlung von Kunst.

In Frankfurt indes geht es Erkmen um die Vermittlung von Kulturen, um eine "Choreographie sich kreuzender Kulturen", wie es bei der Deutschen Bank etwas vollmundig heißt: Das Geldinstitut firmiert als Initiator der Aktion, die den Auftakt zu weiteren Projekten in New York und London bildet, mit Tobias Rehberger und Karin Sander (2002) und mit Jenny Holzer in Singapur (2003).Die Bank schlägt damit eine neue Strategie ein: Nach der 1979 begonnenen und inzwischen auf 50 000 Werke angewachsenen Sammlung "Kunst am Arbeitsplatz" und der 1997 gegründeten Berliner Guggenheim-Filiale initiiert man nun eigene Projekte auf fremdem Terrain.

Wer auf dieses neue Projekt neugierig war, konnte sich im Internet über die Anreise der Schiffe informieren. In einem "Logbuch" wurden täglich Wind und Wetter, Streckenverlauf und Neuigkeiten von den drei Mannschaften aufgezeichnet. In ihrer Heimat befördern die Besatzungen vorwiegend Passagiere im öffentlichen Verkehr; in Frankfurt indes dürften sich eher Neugierige und Touristen auf den Booten einfinden. Dabei haben die Wellenbrecher alles andere als anheimelnde Namen, wenn man von der japanischen Fähre absieht, die sich nach der Region Kumano nennt. Das türkische Schiff heißt "Defterdar", zu deutsch: "Finanzdirektor" oder "Schatzmeister". Das italienische Boot trägt einen seltenen weiblichen Eigennamen: "Tessèra" bedeutet auch "Papiere" oder "Unterlagen". Für die Finanzmetropole Frankfurt und die Deutsche Bank also recht passend. "Shipped Ships" klingt ja auch ein wenig nach Chips - nach Spielgeld.

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