Kultur : Kreuzfahrt durch die Wüste

Zwischen Las Vegas und Friedrichstadtpalast: Hat das Revuetheater noch eine Zukunft?

Frederik Hanssen

Nach diesen Beinen war mal ganz Berlin verrückt. Die Girlreihe des Friedrichstadtpalastes galt in der DDR als Nonplusultra real existierenden Glamours. 32 Frauen, die synchron ihre Gliedmaßen in die Luft werfen, das durfte sich wahrlich Weltniveau nennen. In der Tat faszinierten die Mädels mit ihren zirzensischen, zinnsoldatischen Choreografien dann auch weiterhin das Publikum, als die Periode des Stechschritts östlich des Brandenburger Tors passé war. Vor fünf Jahren aber war die Hausse vorbei, der letzte Intendant Thomas Münstermann verwirrte die Stammklientel zudem mit stilistischen Experimentierten. Als er im vergangenen Herbst seinen Hut nehmen musste, hinterließ er ein Defizit von vier Millionen Euro. Nachfolger Berndt Schmidt, vom Musical-Konzern „Stage Entertainment“ abgeworben, nahm kein Blatt vor den Mund, erklärte den Mitarbeitern, dass 40 Stellen gestrichen würden, baute das Programm radikal um, entlockte dem Senat sogar Geld für Modernisierungsmaßnahmen, erreichte eine Auslastungssteigerung um zehn Prozent – und musste jetzt doch um ein Darlehen in Höhe von 3,5 Millionen Euro bitten, um die drohende Insolvenz seines Amüsierbetriebs abwenden zu können.

Da drängt sich die Frage auf: Wer steckt hier in der Krise – die ganze Kunstgattung oder nur der Friedrichstadtpalast? Begonnen hat alles mit professioneller Fleischbeschau. 1867 wird auf einem sumpfigen Grundstück in Spree-Nähe die Zentralmarkthalle errichtet, ein Stahlskelettbau nach Pariser Vorbild für Feinkost- und Kolonialwarenhändler. Doch das Vorhaben floppt, die Halle wird erst zum „Zirkus Renz“ umgebaut, 1892 dann zum „Olympia Riesentheater“. Mit Artistik und Klamauk wird hier das Volk verlustiert, bis das Kaiserreich zusammenbricht. 1919 lässt Max Reinhardt den Saal vom Architekten Hans Poelzig in eine Tropfsteinhöhle verwandeln, nennt das Gebäude nun „Deutsches Schauspielhaus“. 1924 gibt er die Leitung an Eric Charell ab, der mit den Tiller-Girls, mit Schnauze-Stars wie Claire Waldorff, mit Artistik, Song, Sketchen und Ausstattungspomp eine weltstädtische Unterhaltungskultur etabliert: „Das ist wie ein Rausch aus Farbe, Licht, Bewegung“, schwärmt das „Berliner Tageblatt“.

Die Nazis wollen dann „artgemäße“ Kunst zeigen, die aber keiner sehen will, so dass sie sich auf Operetten verlegen, bis das Bühnenhaus im Bombenhagel zerstört wird. Der Saal aber steht noch, wird ab dem 17. August 1945 wieder bespielt. Bald reißt sich der Magistrat das bislang privat betriebene Varieté unter den Nagel, gibt ihm den Namen „Friedrichstadtpalast“ und präsentiert neben den Revuen auch Gastspiele von Stars aus dem westlichen Ausland: Juliette Gréco, Louis Armstrong, Josephine Baker. Bis die x-mal umgebaute Markthalle so marode ist, dass schräg gegenüber ein Neubau beschlossen wird. Im April öffnet der neue Friedrichstadtpalast – und den Besuchern bleibt die Spucke weg: Auf der größten Bühne der Welt tauchen Eisflächen und Springbrunnen wie von Zauberhand auf, die Tanzgirls tragen wagenradgroße Hüte aus Straußenfedern, und der Conférencier entlässt das Premierenpublikum mit den Worten: „Es macht Spaß, DDR-Bürger zu sein.“

Die Freude an der Revue ist selbstverständlich systemunabhängig. Die Gattung hat ein ganz anderes Problem: ihr Image. Es ist wie mit einer Fahrt auf einem Kreuzfahrtschiff. Die einen halten das für die mondänste Form bürgerlicher Unterhaltung, die anderen wenden sich mit Grausen ab. Bei der Bootstour geht es von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten, das Tingeltangel hangelt sich von Nummer zu Nummer. Beide Formen des Zeitvertreibs, Kreuzfahrt wie Revue, hatten ihre Hochzeiten in den zwanziger Jahren, erstere wurde vom Flugzeug, letztere vom Kino verdrängt. Und doch zehren beide bis heute von der glanzvollen Vergangenheit.

Ein Teil der Kreuzfahrt-Branche allerdings hat den Turnaround geschafft: Die „Aida“-Schiffe, die das Bordleben nach dem Prinzip des Ferienclubs organisieren, ziehen junges Publikum an. An Land meidet es die Revue allerdings ebenso wie traditionelle Kreuzfahrten. Kein Wunder: Das „Aida“-Prinzip ist ebenso ein USA-Import wie die Disney-Shows à la „Lion King“. Braucht die jüngere Generation also eine Handlung, um sich im Unterhaltungstheater wohlzufühlen, so wie sie die Animation auf den Schiffen dankbar annimmt? Muss sich die klassische Revue also mit einem Publikum jenseits der 40 zufriedengeben, wie Friedrich- stadtpalast-Chef Bernd Schmidt glaubt?

Wo man derzeit hinschaut, boomt die Live-Kunst. Viele wollen nicht vor der Glotze versauern, wollen auch im Kino keine Filme sehen, die am Computer gemacht wurden. Sie suchen in der Freizeit das Gemeinschaftserlebnis, zum großenTeil sicher in Shopping-Malls, aber eben auch bei Konzerten und im Theater. Die Revue könnte also durchaus eine neue Blüte erleben: Sie kennt keine Sprachbarrieren und verlangt, handlungslos wie sie ist, kaum Mitdenkarbeit.

In Deutschland ist die Blue Man Group extrem erfolgreich, eine Schrumpfversion der großen Ausstattungsrevue, ein Drei-Mann-Spektakel irgendwo zwischen Performance und Kleinkunst, das die naive Weltbeschau feiert. In Las Vegas dagegen verkaufen sich neben den üblichen Starprogrammen und Musicals die Mega-Revuen besonders gut: In eigens umgebauten Riesentheatern werden atemberaubende Shows mit nie gesehenen Techniktricks bejubelt, allein der Cirque du Soleil hat fünf Programme im Rennen, das teuerste, „Kà“, hat 150 Millionen Dollar gekostet und benötigt allabendlich 160 Techniker hinter den Kulissen.

Solche Oh-und-Ah-Spektakel schaffen genau das, was der große Publizist Alfred Polgar einst als Revue-Erfolgsrezept der Weimarer Republik definierte: „Ein Theaterwerk herzustellen, das breitestem wie auch so genanntem besseren Publikum behagen, das Massenabsatz finden und doch hohem Anspruch genügen soll.“ Las Vegas allerdings hat den Vorteil, dass es wie ein Clubschiff funktioniert: Man entkommt der Wüstencity nur schwer.

Wird der Friedrichstadtpalast vom Zukunftspotenzial der Revue profitieren können? Mit der nächsten Produktion, die am 9. Oktober herauskommt, muss Berndt Schmidt sein 1900-Plätze-Haus zurück ins Rampenlicht bringen. Dass er für die Regie keinen neuen Kopf aufbieten kann, sondern nur Jürgen Nass, der hier seit 24 Jahren tätig ist, lässt die Vorfreude zwar nicht gerade in die Höhe schnellen – aber immerhin ist der Titel von Las Vegas inspiriert: Die Berliner Antwort auf „Kà“ heißt „Qi, eine Palastrevue“: Zwei Buchstaben, die einerseits rätselhaft fern-asiatisch anmuten, andererseits eine Lautschriftversion des italienischen „qui“ (hier) wie des französischen „qui“ (wer) sein könnten. Vielleicht aber muss man sich auch vor den Spiegel stellen, um den Titel richtig herum zu sehen: IQ. Na dann: Intelligente Unterhaltung!

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