Kultur : Kreuzzügler

Eine Diskussion über „Tal der Wölfe“ in Berlin

Christina Tilmann

Sollte die Veranstaltung der Deeskalation dienen, so ist sie gründlich fehlgeschlagen. „Wir sind hierhergekommen, weil der Film in Deutschland eine Reihe von Missverständnissen ausgelöst hat“, erklären Produzent Raci Sasmaz und Bahadir Özdener, zusammen mit Sasmaz Drehbuchautor des umstrittenen türkischen Blockbusters „Tal der Wölfe“ beim Pressegespräch im Berliner Grand Hyatt. Rund 4,5 Millionen Menschen haben den Film bislang gesehen, davon 345 000 in Deutschland. Filmstarts in Frankreich, Schweden und Russland stehen bevor, Ende April soll die DVD in Deutschland auf den Markt. Heute entscheidet die Freiwillige Selbstkontrolle (fsk) darüber, ob der Film erst ab 18 freigegeben wird.

Am Ende der Diskussion in Berlin dürften jedoch mehr Missverständnisse entstanden, mehr Vorurteile bestätigt worden sein als zuvor. So werden die beiden türkischen Autoren nun mehr denn je davon überzeugt sein, dass Stimmen aus dem Orient im Westen grundsätzlich kein Glauben geschenkt wird. Mehrfach beschwören sie die Journalisten: „Bitte glauben Sie uns.“ Das allerdings fällt schwer, weil in zwei Stunden kaum die präzisen Fragen beantwortet werden, dafür umso mehr allgemeiner guter Wille geäußert wird. Sie hätten einen Antikriegsfilm drehen wollen, betonen die türkischen Filmschaffenden wiederholt, keinen RamboFilm, hätten auf die Tragödie des besetzten Irak hinweisen, Menschenrechtsverletzungen anprangern und niemanden diskriminieren wollen. Die Botschaft von „Tal der Wölfe“ sei vielmehr: „Alle Menschen, egal welcher Religion, Rasse oder Konfession, können in Frieden zusammen leben.“

Erstaunlich – angesichts eines Werks, das in Deutschland als dezidiert nationalistisch, antiamerikanisch und antisemitisch kritisiert wird. An der Figur des jüdischen Arztes, der den verletzten Gefangenen in Abu Ghraib Organe entnimmt und diese nach Tel Aviv, London und New York verschickt, entzündet sich der heftigste Streit. Was sie sich mit dieser Figur gedacht haben, werden die beiden gefragt. Sie verwahren sich zunächst dagegen, einzelne Szenen herauszugreifen: „Damit wird der ganze Film verleumdet.“ Organhandel habe es in Abu Ghraib eindeutig gegeben; sie hätten davon gelesen. „Sonst könnte man auch sagen, die Bilder aus Abu Ghraib seien Fotomontagen, es habe keine Folter gegeben.“ Aber warum gerade ein jüdischer Arzt, warum Organlieferungen nach Tel Aviv? „Wenn Sie sich an Tel Aviv stören, schreiben wir das nächste Mal Karachi auf die Kästen.“

Naivität, Ressentiment, Dreistigkeit oder vielleicht die ganz falsche Frage? Den Vorwurf des Antisemitismus weisen beide von sich, Türken hätten doch immer freundschaftlich mit Juden zusammengelebt – und mit Kurden. Überhaupt seien sie nur für Frieden: Es gebe im Film doch die Figur des guten Scheichs, der zur Mäßigung aufruft. Und es sei George W. Bush gewesen, der von einem Kreuzzug gesprochen habe. Die Amerikaner Besatzer, die Israelis Helfer, die Iraker Opfer und die Türken Helden? Niemand soll diskriminiert werden.

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