Kultur : Krieg am Strand

Arthur Schnitzlers „Komödie der Verführung“ am Deutschen Theater Berlin

Günther Grack

Das freundliche Wort „Märchen“ und das hässliche Wort „Krieg“ – wie zwei Schmetterlinge in taumelndem Flug geistern sie durch das letzte große Schauspiel von Arthur Schnitzler. Die „Komödie der Verführung“ spielt in dem Vierteljahr vom 1. Mai bis zum 1. August 1914. Arduin Prinz von Perosa, der in seinem Wiener Park ein „märchenhaftes“ Frühlingsfest veranstaltet und sich schon auf den Sommer freut, wenn in Dänemark seine „Märchenjacht“ vom Stapel laufen wird, fragt einen Bankdirektor vorsorglich: „Werden wir Krieg haben?“ Sechs Wochen später warnt der Geldmensch seine Schwägerin Judith, die eine Konzertreise durch Europa plant: „Keine drei Tage mehr – und die Welt steht in Flammen.“ Am 1. August dann, als sich all diese Verführer und Verführten im dänischen Gilleleije an einem „Märchenstrand“ wiedersehen, wird im Hotel die Meldung von der Kriegserklärung ausgehängt. Prinz Arduin aber will nicht ablassen von der Kreuzfahrt mit seinem Luxusschiff, das er auf den Namen seiner verehrten Freundin Aurelie Gräfin von Merkenstein getauft hat: „Dieser Krieg“, sagt er zu einem anderen Verehrer der Dame, dem Dichter Ambros Doehl, „bricht gegen alle menschliche Vernunft aus. Ich tue da nicht mit, weder auf der einen noch auf der anderen Seite.“

Ist es eine makabre Aktualität, die der Berliner Premiere des Schnitzler-Stücks im Deutschen Theater durch den Zusammenprall mit dem Irak-Krieg zukommt? Oder ist es eher eine fatale Duplizität der Ereignisse, die das Kunstwerk im Kontrast zur grellen Realität in einem trüben Licht erscheinen lässt? Schon der Dichter Ambros hat gegen Ende des Geschehens die Launen der Verliebten oder Nicht-mehr-Verliebten als fragwürdig empfunden: „Es weht wahrhaftig keine Märchenluft mehr durch diese Welt.“

1924 am Burgtheater uraufgeführt, zeigt sich das Gesellschaftsstück in einem Punkt aufgefrischt: Das „süße Mädel“, das sich vernaschen lässt, greift hier lieber selbst zu. Drei junge Frauen, drei eigenwillige Charaktere: Aurelie, die reiche Müßiggängerin, Judith und Seraphine, als Sängerin oder Geigerin eine Musikerkarriere anstrebend – sie wollen selbstbestimmt leben. Max von Reisenberg, ein junger Mann, der sich als Verführer anbietet, ist ihnen allenfalls für eine Nacht genehm. Mit Vorbehalt, wie er im Falle der kapriziösen Aurelie spürt. Als seine Beziehung mit ihr zu Ende ist und sie ihn fragt, ob sie ihm nicht alles gegeben habe, antwortet er: „Unendlich viel – nur nicht dich selbst.“

Eine Erscheinung wie aus einer anderen Welt, sucht die schöne Gräfin schließlich mit ihrem ältesten Verehrer, Ulrich Freiherr von Falkenir, den gemeinsamen Tod im Meer – eine alpenländische Undine, deren geheimnisvolle Aura Schnitzler fasziniert hat, auf seinem Stück jedoch wie ein Alb lastet. Wo ist die Schauspielerin, die diesem überirdischen Wesen Beine machen und den Abend über nahezu vier Stunden tragen könnte? Judith Engel, die Hochgeschätzte, macht aus der Gräfin ein launisches Girlie, dessen klare Augen sich trüben, während sich ein Pelz auf die Zunge legt. Außer dem netten Max, den Maximilian von Pufendorf mit dem rechten Leichtsinn versieht, wetteifern drei gestandene Männer um Aurelie: Timo Dierkes, Ulrich Matthes und Jörg Gudzuhn. Tun sich Dierkes, ein massiger Melancholiker, und der nervige Matthes nicht schwer mit ihren Rollen, kämpft Gudzuhn mit der Aufgabe, als väterlicher Liebhaber seinem Irrwisch uneigennützig Lebenshilfe zu spenden – mit unfreiwillig komischem Effekt. Sympathisch spontan wirken Inka Friedrich als Judith und Katharina Schmalenberg als Seraphine, anders als Aurelie lebensnahe Figuren. In einer Doppelrolle als österreichische Fürstin und dänische Hoteldirektorin beweist Elisabeth Trissenaar uneitlen Ensemblegeist.

Stephan Kimmig, als „Stella“-Regisseur am selben Haus ein Bruder Leichtfuß, breitet die „Komödie der Verführung“ mit schwerer Hand aus. Der Dreiakter schleppt sich durch eine kreisende Einheitsszenerie (Katja Haß) von zeit- und ortloser Abstraktion; einzig die Kostüme (Anja Rabes) vermitteln das Flair einer Party-Gesellschaft von heute. Unterlegt mit Songs von Johnny Cash und Beth Gibbons, ist das Stück gleichwohl alles andere als von heute. Erst recht erweisen die kriegerischen Töne den selbstverliebten Reigen als Werk einer Welt von gestern.

Wieder am 27. März, 6., 15. und 22. April

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