Kultur : Krieg dem Krieg

Die Pet Shop Boys rechnen mit Tony Blair ab

Sebastian Handke

Mit Geschichte kennen sie sich aus und von Revolution halten sie gar nichts. Als Neil Tennant und Chris Lowe, der Historiker und der Architekt, auch bekannt als die Pet Shop Boys, Eisensteins Revolutionsfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ vertonten, wandten sie sich direkt an Tony Blair mit der Zeile: „Why did we go to war?“ Ein Jahr später konkretisieren sie nun ihr Unbehagen: „Sometimes the solution ist worse than the problem“, orakeln sie in einem ihrer neuen Stücke, das mit dem Titel „Twentieth Century“ gleich das ganze letzte Jahrhundert auf einen Nenner bringt.

Die Pet Shop Boys galten lange als gerissene Zuckerwattenpop-Fabrikanten. Doch politisch waren sie im Grunde schon immer, am sichtbarsten wohl auf ihrem zweiten Album „Actually“, das sich 1987 mit den Nebeneffekten des Thatcherismus beschäftigte. Die Pet Shop Boys wollten nie raffiniert sein wie etwa Jarvis Cocker mit Pulp. Sie wollen die Massen rühren. Und sie in Bewegung versetzen. Das Ergebnis ist einer der komplexesten Pop-Entwürfe überhaupt: eine schillernde Symbiose von Ironie und Naivität. Wenn die Pet Shop Boys den Hedonismus feiern und zugleich ablehnen, muss man das verstehen als den Versuch des Melancholikers, Würde zu wahren inmitten des ganzen modernen Zynismus, der ja auch was für sich hat, weil alles so schön blinkt, funkelt und lärmt. So verbanden sie schwitzende Disco-Erotik mit lyrischer Emphase, orchestrale Wucht mit schlichtester Melodik, beißenden Sozialspott mit schwerer Melancholie. Nur auf ihrer letzten Platte, dem Gitarrenalbum „Release“ (2002), war alles ganz Gefühl, und prompt waren die Fans vergrault.

Die Gitarren sind beiseite gelegt, der Flop ihres Musicals „Closer To Heaven“ ist verschmerzt, jetzt ziehen sie gegen Tony Blair ins Feld. „Fundamental“ ist ein Konzeptalbum über das Klima der Angst, dem sich der Westen in seinem Krieg gegen den Terror hinzugeben scheint. „It’s psychological“, wiederholt Neil Tennant immer und immer wieder im brütenden, kraftwerkartigen Eröffnungsstück. Doch die Pet Shop Boys wären nicht die Ironiker, die sie sind, würden sie ihr Anliegen nicht gleich in doppelter Weise brechen: indem sie einerseits die Produzentenlegende Trevor Horn ins Studio laden und die teils beißend politischen Texte ausgerechnet mit jenem hedonistischen Klanggewand schmücken, das Horn mit Frankie Goes To Hollywood zum akustischen Stigma der achtziger Jahre machte. Das Schlussstück „Integral“ etwa fegt über den Hörer hinweg als wuchtiger, faschistoider und zugleich einschmeichelnder Stampfer in bester „Go West“-Manier. Eine Furcht einflößende Regierungserklärung, die den Bürgern die Einschränkung ihrer Freiheitsrechte nahe bringt mit der schneidend kalten Refrainzeile: „If you’ve done nothing wrong / You have nothing to fear / If you have something to hide / You shouldn’t even be here.“

Andererseits versteht es Tennant glänzend, seine Texte in der Schwebe zu halten zwischen Politischem und Privaten. „I’m With Stupid“, das Spottlied über Blairs „special relationship“ zu George W. Bush, oder „Indefinite Leave To Remain“ über die britische Asylpraxis würde man glatt für Liebeslieder halten, kennte man die Umstände nicht. Auch das surreale „Luna Park“ entpuppt sich erst auf zweiten Blick als Porträt eines Amerikas, das sich inmitten grell leuchtender Zerstreuungsmaschinen für ein Leben im Dunkeln entschieden hat.

Außerdem auf „Fundamental“: klassischer Pet-Shop-Boy-Humor in „Casanova In Hell“, einem Musicalsong über Erektionsstörungen. Die schmachtende Powerballade „Numb“. Und schließlich das unwiderstehlich groovende „Minimal“: Unverkennbar die typisch Trevorsche Instrumental-Klimax am Ende, wenn dieser schlichte Gitarrenriff hinzutritt, die Hornsektion sich langsam nach oben schraubt, die Streicher entzückt dazwischen wirbeln. Da blitzt etwas auf, das nur die Pet Shop Boys so hinbekommen: ein Augenblick, in dem sich die Emphase des Pop mit der Euphorie des Dancefloors verschwistert. „Fundamental“ ist eine großartige, nachtschwarz leuchtende Platte – ganz gleich, ob man Musik eher mit dem Kopf, mit dem Herzen oder mit den Füßen hört.

Als die Pet Shop Boys vor zwanzig Jahren mit „West End Girls“ erstmals die Charts eroberten, war ihre Musik im Grunde schon anachronistisch, und auf eine seltsam zeitenthobene Weise blieb sie das auch. Aber wie schon im letzten Jahr Depeche Mode, deren elektronischer Mystik-Rock der exakte Gegenentwurf ist zum ironisch-naiven Discopop der „Pets“, besinnen sich die Pet Shop Boys jetzt ganz auf sich selbst, auf ihre Fundamente, die sie im Electropop der achtziger Jahre ausgemacht haben. Mit „Fundamental“ haben sich die Pet Shop Boys selbst historisiert.

Pet Shop Boys: Fundamental (EMI)

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