Kultur : Krieg der Bilder

Umgang mit einem Trauma: Hamburg zeigt Algerien-Fotos des Soziologen Pierre Bourdieu

Ulla Fölsing

Algerien war das erste, große Thema des französischen Soziologen Pierre Bourdieu (1930-2002). Die Entwurzelung von mehr als zwei Millionen Menschen durch die brutalen Umsiedlungsmaßnahmen der französischen Militärbehörden hat er systematisch mit der Kamera festgehalten. Mitten im Befreiungskampf der vormals französischen Nordafrika-Kolonie dokumentierte Bourdieu auf rund 2000 leisen, diskreten Schwarz-Weiß-Fotos den veränderten Alltag der durch Krieg, Zwangsumsiedlung, Arbeitsmigration und soziale Verwerfung geschundenen algerischen Landbevölkerung.

Ein paar Motive aus Algerien erschienen später als Cover auf Pierre Bourdieus Büchern. Die meisten Aufnahmen hielt er vierzig Jahre lang zurück. Was davon in verstaubten Schuhschachteln seine zahlreichen Umzüge überlebte, gab er kurz vor seinem Tod zögernd an die Öffentlichkeit. Damit seine damalige Fotografie des reinen Beobachtens nicht nachträglich als Versuch künstlerischer Produktion missverstanden würde, bestand er auf einer Präsentation gemeinsam mit Auszügen aus seinen sozialwissenschaftlichen Texten über Algerien. Zusammen mit Christine Frisinghelli von Camera Austria, Graz, und Franz Schultheis von der Genfer Fondation Pierre Bourdieu bereitete er selbst die Ausstellung noch vor. Er starb im Januar 2002.

Seit 2003 tourt seine posthume Schau von 150 Aufnahmen durch die Welt. Sie war bereits in Algier, Oran und zwei weiteren algerischen Städten zu sehen. Jetzt ist sie im Haus der Photographie der Hamburger Deichtorhallen angelangt. Dort werden Bourdieus Impressionen aus Algerien von einem umfangreichen, zweiten Ausstellungsteil mit Foto-Reportagen aus „Paris Match“, „Spiegel“ und „Stern“ über den Algerienkrieg sowie Amateuraufnahmen von Soldaten und Fremdenlegionären ergänzt.

Die Begegnung mit Presse-, Propaganda- und Erinnerungsbildern unterstreicht die Eigenständigkeit von Bourdieus Algerien-Fotos: Bei Bourdieu bleiben Kampfgeschehen, Bombenterror, die unvorstellbaren Grausamkeiten auf beiden Seiten und alles Sensationslüsterne komplett ausgespart. Seine zurückhaltenden Bilder zeigen den vergleichsweise trivialen, dissonanten algerischen Alltag – einsame Wanderer auf endlosen, staubigen Landstraßen, städtisches Getriebe, monotone Reihen ärmlicher Notunterkünfte und vor allem immer wieder Menschen in einer Umbruchsituation: Landarbeiter an Sulfatschläuchen schwefeln Weinstöcke auf industrialisierten Kolonialfarmen. Fliegende Händler karren Plastikgut durch die Straßen. Männer oder Frauen hocken, nach Geschlecht getrennt, tatenlos in der Einöde herum.

Bourdieu machte seine Bilder mit einer Zeiss Ikoflex aus Deutschland. Der Sucher oben auf dem Gehäuse erlaubte zu fotografieren, ohne die Kamera vor das Auge heben zu müssen. Das ermöglichte unauffällig verdeckte Aufnahmen, die gleichwohl immer respektvoll ausfallen. Seine Bilder ersetzten das Tagebuch bei der Feldforschung. Als optische Gedankenstütze begleiteten sie Statistik, Befragung und Beobachtung. Der studierte Philosoph und frisch gebackene Absolvent der vornehmen Pariser Ecole Normale Supérieure, der 1955 vom Militär nach Algerien zwangsrekrutiert wurde, probierte dort erstmals autodidaktisch die Methodenvielfalt der Sozialwissenschaften aus. Die Begegnung mit dem Land im Krieg wirkte auf ihn wie ein Schock.

Die Traumata des Algerien-Krieges waren auch das Thema der Kriegsreporter und Bildjournalisten. In einem beeindruckenden Kontrastprogramm arbeiten die Kuratoren Robert Fleck und Ingo Taubhorn im formal getrennten, aber inhaltlich eng verbundenen zweiten Teil der Ausstellung den militanten „Foto-Krieg“ im Kampf um Algerien auf. Bildreportagen in der Presse hatten damals weitreichenden Einfluss. Allein „Paris Match“ erreichte in den 1950er Jahren eine Auflage von 1,7 Millionen Exemplaren und damit jeden dritten erwachsenen Franzosen. Fernsehen war noch Nebensache: Lediglich 900 000 französische Haushalte besaßen einen eigenen Apparat. PresseFotos aus dem Algerien-Krieg galten als objektiv und glaubwürdig. Sie waren ein entscheidender Faktor in der öffentlichen Meinung. Mit den grausamsten machten beide Kriegsparteien gezielt Politik. Massaker- und Folter-Bilder manipulierten das öffentliche Bewusstsein. Die Franzosen lenkten militärisch ein, als sie den Kampf um die Bilder verloren hatten.

Bourdieus Botschaft von der Entwurzelung nehmen die aktuellen Bilder des Österreichers Manfred Willmann aus Djebara in der Hamburger Ausstellung erneut auf. Das riesige Zwangslager der französischen Armee hatte Pierre Bourdieu 1960 als Augenzeuge abgelichtet. Willmann fotografierte im März 2006 Dorfbewohner, die praktisch unverändert noch heute dort leben – viele davon seit ihrer Kindheit und Jugend.

Deichtorhallen Hamburg, bis 3. September. Katalog: „Pierre Bourdieu. In Algerien. Zeugnisse der Entwurzelung.“ Hrsg. von Franz Schultheis und Christine Frisinghelli, Camera Austria, Graz 2003, 25 Euro

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