Kultur : Krieg der Emotionen

BODO MROZEK

Die erschreckende Nachricht schlug auf auf dem Podium der Berliner Akademie der Künste förmlich ein - und stiftete ungläubige Verwirrung.Der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer nannte am Sonntag abend noch nicht die CIA als mutmaßlich verantwortlich für den Bomben-Treffer in der chinesischen Botschaft.Er sprach lieber nebulös von "bestimmten Kreisen" in der Nato.Aber da war die Diskussion schon fast am Ende, und das in mehrfacher Hinsicht.Immer wieder drohten die Emotionen mit Einzelnen durchzugehen, fast wäre die Veranstaltung im Tumult geendet.

Eigentlich sollte es im Hanseatenweg um die These vom "Krieg der Werte" gehen.Neben Scheer saß auf Seiten der Kriegsgegner der Akademie-Präsident und Schriftsteller György Konrád, während der Publizist Richard Herzinger und der Soziologie-Professor Hans Joas als Verteidiger der Nato-Strategie antraten; Tagesspiegel-Redakteur Harald Martenstein moderierte.Herzinger wollte die Militärschläge als möglichen Beginn einer "Weltinnenpolitik" gewertet wissen.Selbst wenn, wie von einigen Diskutanten behauptet, erst die Nato-Bomben die serbische Führung zur Vertreibung in großem Stil animiert hätten, sei dies nur ein weiterer Beweis für die ohnehin vorhandene verbrecherische Energie des Regimes.Der Krieg sei ein "Diktat der Wirklichkeit", stehe aber im Dienste der Menschenrechte.

Dem widersprach Hermann Scheer, Sozialwissenschaftler und SPD-Bundesvorstandsmitglied.Als entschiedener Kriegsgegner innerhalb der SPD hält der Ex-Offizier die These vom Wertekrieg für "untragbar".Die Kosovo-Krise beruhe auf der völlig falschen Grundannahme der Segregation.Vor ethnischer Autonomie müsse jedoch das Primat demokratischer Selbstbestimmung stehen: "Entspricht dieser Krieg noch den Werten, die er angeblich vertreten soll?"

Für Hans Joas schon.Der Krieg sei "Vorbote eines neuen Zeitalters": "Militärisches Eingreifen muß künftig notwendig sein, auch wenn Rußland und China ihr Veto einlegen." Folglich sei eine Nato-Offensive ohne Zustimmung des Weltsicherheitsrats grundsätzlich gerechtfertigt, wenn andere internationale Entscheidungsprozeduren fehlen.

Konrád bereicherte die abstrakte Diskussion mit persönlichen Erfahrungen aus Serbien.Gerade Städte wie Novi Sad seien Zentren eines multikulturellen intellektuellen Lebens mit klarer Tendenz gegen Milosevic gewesen.Die Opposition sei nun aber zusammengebombt worden: "Dies ist eine völlig falsche Strategie und ein verbrecherischer Krieg!"

Damit war dem emotionalen Streit der Weg geebnet, die Diskussion enfaltete ihre eigene Dynamik.Ein ums andere Mal verschaffte sich das Recht des Stärkeren Gehör, und als ein erregter Gast in offenbar handfester Absicht das Podium stürmte, drohte für einen Moment das Chaos zu gewinnen.Dank des beschwichtigenden Einwirkens von Moderator und Veranstaltern siegte dann doch noch das besonnene Wort.Zu einer Einigung kam es freilich nicht, man schied aufgewühlt.Alles andere wäre auch unwahrscheinlich gewesen, vielleicht sogar unangemessen.

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