Kultur : Krieg der Generationen

Mißfelder und die Folgen: Wie funktionieren soziale Konflikte zwischen Jung und Alt? / Von Herfried Münkler

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„Generationenkriege“ hat die europäische Geschichte der letzten Jahrhunderte nicht gekannt. Nicht einmal Generationenkämpfe. Die Konflikte wegen knapper Ressourcen und die Kämpfe um Macht und Einfluss wurden zwischen Ständen, sozialen Klassen und Nationen ausgetragen, aber nicht zwischen den Generationen. Durch die Institution der Familie, der Groß wie der Kleinfamilie, blieben die Verteilungskonflikte auf die private Sphäre beschränkt, waren also: entpolitisiert.

Die entscheidende, in den Binnenraum der Familie zurückgedrängte Frage, wann die Generation der Älteren abtreten und sich aufs sprichwörtliche Altenteil zurückziehen sollte, war ein Thema für Bauernschwänke und Volkstheater. Öffentliche Aufmerksamkeit erregte allenfalls der Generationenwechsel in Dynastien oder großen Familienunternehmen. Und noch immer werden die Machtkämpfe in politischen Parteien gerne nach dem Modell des Generationenkampfes erzählt; aber tatsächlich geht es dabei weniger um einen Kampf der Generationen als um den Sturz von Patriarchen. Das politische Ende Helmut Kohls ist dafür ein Beispiel.

Nun hätte die Einführung der Sozialversicherung, wie sie in Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts stattfand, als Politisierung des Verteilungskonfliktes zwischen den Generationen wirken können, da hier das Problem erstmals aus dem familiären oder allenfalls genossenschaftlichen Rahmen herausgehoben wurde. Aber weder die Renten- noch die Krankenversicherungen verschärften die intergenerationellen Kämpfe, sondern wirkten eher konfliktbegrenzend. Dabei spielten zwei Faktoren eine Rolle: Zunächst wurde die Familie zwar entlastet, aber nicht aus der Verantwortung entlassen, so dass der Generationenkonflikt weiter auf ihren Binnenraum beschränkt blieb. Und zweitens wurden die Versicherungssysteme vom Vertrauen in eine intergenerationelle Gerechtigkeit getragen. So konnten die Verteilungskonflikte weiterhin quer zu den Generationen definiert und ausgefochten werden. Sowohl die alten Klassen- als auch die jüngeren Volksparteien waren (und sind) generationenübergreifende Organisationen.

Dass sich inzwischen ein politischer Generationenkonflikt abzeichnet, bei dem einige Beobachter erstaunt, dass er bislang zu nicht mehr Schärfe und Erbitterung geführt hat, liegt also nicht nur an den knapper werdenden Ressourcen, an der wachsenden Zahl der Leistungsempfänger und ihrer gestiegenen Lebenserwartung. Sondern auch daran, dass intergenerationellen Ausgleichsinstitutionen wie die Familie oder soziale Milieus nur noch unzureichend funktionieren. Nicht so sehr die wachsende Rentner- als vielmehr die schrumpfende Kinderzahl war der erste Hinweis auf eine erodierende Funktionsfähigkeit. Es ist der Prozess der Individualisierung, der die Ausgleichssysteme zwischen den Generationen einschränkt und schließlich aushebelt. Insofern ist der „Generationenkrieg“ ein postmoderner Konflikt.

Man darf hier allerdings bezweifeln, ob es sich bei Generationen überhaupt um politisch stabile und handlungsfähige Größen handelt, die mittelfristig gemeinsame Interessen aufweisen. Selbst wenn man ein Leben lang innerhalb derselben sozialen Generation (Nachkriegsgeneration, Generation der 68er etc.) verbleibt, so altern doch die Generationen, und damit verändern sich Problemwahrnehmung und soziale Perspektive. Vor allem aber: Man weiß dies im Voraus. Zwar kann man Schichten und Klassen durch individuellen Auf- und Abstieg wechseln, doch ist dies nicht mit Sicherheit vorher zu planen. Dass man mit seiner Generation altert, ist hingegen zwangsläufig. Politische Handlungsfähigkeit kann eine Generation nur erlangen, wenn sie sich durch die Zeit als notorisch benachteiligt erfährt oder aber bevorzugt weiß und dementsprechend Benachteiligungen zu bekämpfen oder Privilegien zu verteidigen hat. Das könnte sich in Deutschland gegenwärtig abzeichnen.

Ein wichtiger Beitrag zur Dämpfung von Generationenkonflikten war in der Vergangenheit der Umstand, dass auch die Älteren einen Beitrag zum Gemeinwohl leisteten, auf den die Gesellschaft schlecht verzichten konnte. Selbst in Gesellschaften, in denen die Familie eine sozial weniger bedeutsame oder überhaupt keine Rolle spielte, war dieser Beitrag sozial anerkannt. In der Regel bestand er in einem Wissen, das erst ab einem bestimmten Alter zugänglich und verfügbar war. In kriegerischen Gesellschaften mögen dies Kenntnisse über das Verhalten anderer Stämme oder ein Wissen um Geheimnisse der Kriegsführung gewesen sein, in agrarischen Gesellschaften Wissen über Viehzucht und Ackerbau, über Regeln einer noch weithin unbeherrschten Natur. Wo die Alten zur Tat nicht mehr fähig waren, so konnten sie doch Rat geben. Das beklagte Schmelzen der Generationensolidarität hat auch darin seine Ursache, dass es inzwischen die „Weisheit des Alters“ kaum mehr gibt. Je schneller sich Gesellschaften verändern, desto weniger können sie von dem Wissen der Alten profitieren. Wo permanente Innovation gefordert wird, ist Wissen als Weisheit nicht mehr gefragt. Die Selbstetikettierung der modernen Gesellschaft als Wissens- oder Informationsgesellschaft ist der Inbegriff dafür, dass Weisheit in ihr keine Rolle mehr spielt.

Freilich verfügten gerade die früheren Gesellschaften auch über eine Reihe von Regulativen, mittels derer sie sich in Krisensituationen ihrer „überzähligen“ Alten entledigen konnten. So ließen Völker, wenn sie sich auf Wanderschaft begaben oder zu Eroberungszügen aufbrachen, zumeist ihre Alten zurück. Die jüngere Generation entledigte sich der älteren durch den Ortswechsel. In individueller Form ist dies bis heute ein Modus, sich den familialen Zumutungen der Generationensolidarität zu entziehen. Die Einführung der Sozialversicherung, die nicht von ungefähr in einer Zeit wachsender Mobilität erfolgte, war auch ein Versuch, solcher Entsolidarisierung Grenzen zu setzen.

Aber auch in agrarischen Gesellschaften, in denen die Möglichkeiten des Ortswechsels für die jüngere Generation nicht vorhanden und in denen der Beitrag der Alten zum Gemeinwohl wahrscheinlich am größten war, kann nicht ohne weiteres von einer Generationensolidarität die Rede sein. Wer als nicht mehr arbeitsfähig galt, war eher auf Barmherzigkeit und Mitgefühl als auf Solidarität verwiesen. Dass solche Barmherzigkeit, die mit Solidarität nicht zu verwechseln ist, tatsächlich geübt wurde, verdankte sich eher der Religion als gemeinsamen Interessen. Der Begriff des Gnadenbrotes ist da aufschlussreich. Wer sein Gnadenbrot erhielt, war einer, der keinen Beitrag mehr zur physischen Reproduktion leistete und über keinerlei Macht und Einfluss verfügte.

Genau das aber hat sich mit der Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts verändert. Schon auf Grund ihrer Zahl hat die ältere Generation heute Macht und Einfluss wie nie zuvor. Die der Sozialministerin Ulla Schmidt nachgesagte Äußerung, sie werde sich wegen der Einsparung von ein paar Milliarden Euro doch nicht mit 24 Millionen Wählern anlegen, bringt die Verhältnisse auf den Punkt. Die Verschiebung der Machtverhältnisse wird noch dadurch verstärkt, dass es Wahlrechtsbegrenzungen zwar in Kindheit und Jugend, aber nicht im Alter gibt. Schon deswegen ist ein Generationenkrieg für die Jüngeren unter den herrschenden Verteilungsregeln nicht zu gewinnen. Das zeigen auch die harschen Reaktionen aus allen Parteien auf die gar zu kecken Äußerungen des JU- Vorsitzenden Mißfelder. Soll es zu weitergehenden Einschränkungen bei den Versorgungsansprüchen der Älteren kommen, so sind die Jüngeren auf deren Einsicht in die Grenzen ihrer Belastbarkeit angewiesen – oder womöglich gar auf deren Barmherzigkeit.

Der Autor lehrt Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität und veröffentlichte zuletzt „Die neuen Kriege“ und „Der neue Golfkrieg“ im Rowohlt Verlag.

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