Kultur : Krieg der Zeichen

Seit Bagdad bombardiert wird, sind viele prominente Bush-Kritiker in den USA verstummt. Nur die Filmstars nicht

Matthias B. Krause

100000 Menschen demonstrierten am Wochenende in New York gegen den Irak-Krieg, mehrere 10000 gingen in San Francisco und Chicago auf die Straße. Im mittleren Westen sammelten sich einige Tausend, um ihre Unterstützung für die amerikanischen Truppen im Mittleren Osten und Präsident George W. Bush auszudrücken. Im Fernsehen diskutieren Militärexperten, Politiker, Meinungsforscher und Meinungsmacher – aber die Kulturschaffenden schwiegen. Es scheint, als wirke der unter der Schlagzeile „Schock und Furcht“ firmierende Einmarsch in Irak auch im eigenen Land einschüchternd.

Vor Beginn des Irak-Krieg hatte man den Eindruck gewinnen können, Friedensappelle seien schick unter amerikanischen Schauspielern und Musikern, Schriftstellern und Universitätsprofessoren. Sean Penn reiste im Dezember nach Bagdad, um sich vor Ort zu informieren. Dustin Hoffman machte seinem Unbehagen über Bushs aggressive Politik unter anderem auf der Berlinale Luft – und sagt jetzt einen Auftritt in Los Angeles ab (Tsp. vom 23.3.), Country-Pop-Sängerin Sheryl Crow trug bei der Grammy-Verleihung einen Gitarren-Gurt mit der Aufschrift „No War“ – die Liste prominenter Kriegsgegner lässt sich fortsetzen: Barbara Streisand, Susan Sarandon, Martin Sheen, George Clooney, Norman Mailer, Susan Sontag, Laurie Anderson, Yoko Ono, Bruce Springsteen.

Doch seitdem Bomben auf Bagdad gefallen sind, schweigen die meisten Kulturschaffenden. Die Shows am Broadway laufen planmäßig und versuchen, die durch einen Musikerstreik entstandenen Verluste wieder einzuspielen. Nur ein paar alternative Theater-Produktionen nehmen Stücke zum Thema Krieg ins Programm. Liedermacherin Patti Smith und Schauspieler Roy Scheider marschierten am Sonnabend an der Spitze der New Yorker Friedensdemonstranten, zwei der wenigen prominenten Protestler, die nach Kriegsausbruch öffentlich Stellung nehmen.

Bleibt das linke Hollywood, das nicht nur mit Kommentaren und Absagen im Vorfeld der Oscar-Show am Sonntag auf den Kriegsbeginn reagierte. Einen Tag vor der Show haben Hollywoodstars auch bei der Verleihung der „Independent Spirit Awards“ in Santa Monica das Podium für Proteste genutzt. So streckte Julianne Moore, die für Todd Haynes’ Film „Far From Heaven“ zur besten Schauspielerin gekürt wurde, ihre Finger zum Friedenszeichen aus und sagte in ihrer Dankesrede: „Kämpfen ist nicht die Antwort.“ Oscar-Anwärter Michael Moore, der für „Bowling for Columbine“ den Spirit Award gewann, trug ein Abzeichen mit der Aufschrift „Shoot movies, not Iraqis“ (Schießt Filme, nicht Iraker). Der Dokumentarist wetterte außerdem gegen den „fiktiven“ Präsidenten und seine „fiktiven“ Gründe für den Irak-Krieg. Auch Drehbuchautor Mike White, der für „The Good Girl“ ausgezeichnet wurde, rief dazu auf, den kritischen Geist zu nutzen, „um Bush aus dem Amt zu befördern“. Zahlreiche Stars, darunter die Oscar-Anwärter Daniel Day-Lewis, Adrien Brody, Chris Cooper und John C. Reilly, sowie Halle Berry, Brad Pitt und Dennis Quaid hatten sich bei der Nachmittags-Gala Friedenszeichen angesteckt.

Ob die amerikanischen Medien die Kritiker angemessen zu Wort kommen lassen, darf durchaus bezweifelt werden. Indiz dafür sind die ganzseitigen Zeitungsanzeigen von Friedensinitiativen im Vorfeld des Krieges: Wer redaktionell nicht berücksichtigt wird, kauft sich Öffentlichkeit per Anzeigenplatz. Wer sich öffentlich vorwagt, muss zudem mit heftigen Reaktionen rechnen. Martin Sheen hat dies erlebt, in Form von „Hass-Briefen“ und in Form von beißendem Spott in konservativen Radiosendern, die seine geistigen Fähigkeiten in Frage stellen. Präsident Bush besitze einen Abschluss der renommierten Universitäten Yale und Havard, bei Sheen habe es nur für die Uni Dayton gereicht. Der Schauspieler beklagt zudem, sein Arbeitgeber NBC drohe, ihn aus einer TV-Serie zu werfen, wenn er seinen Protest nicht einstelle.

Möglicherweise schweigen einige friedliebende Musiker auch, weil sie ein ähnliches Schicksal wie das des Country-Trios „Dixie Chicks“ fürchten. Weil Leadsängerin Natalie Maines in London auf der Bühne sagte, sie schäme sich für ihren Präsidenten, musste sie sich jetzt öffentlich bei Bush entschuldigen. Demnächst gibt die Band ein Gratis-Konzert in South Carolina: vor Truppen, die in den Krieg ziehen.

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