Kultur : Krieg hinter der Küchengardine

Das Berliner Haus am Kleistpark würdigt die New Yorker Politkünstlerin Martha Rosler

Nicola Kuhn

Eine Koinzidenz in doppelter Hinsicht: Mit der Ausstellung Martha Roslers in Berlin ist eine Künstlerin an den Ausgangspunkt ihres Schaffens zurückgekehrt, von dem sie selber womöglich nicht einmal wusste. In dieser Stadt, in der in den zwanziger Jahren durch Hannah Höch, George Grosz, John Heartfield die politische Collage, die beißende Kritik mit den Mitteln der Kunst erfunden wurde, sind die frühen Werke der Amerikanerin letztlich verwurzelt. Ihre genial-grotesken Zusammenschnitte von Abbildungen schicker Penthouse-Wohnungen und Edelküchen aus Hochglanz-Magazinen mit Dokumenten aus dem Vietnamkrieg sind ohne den Berliner Dadaismus nicht denkbar. Hier dürfte ihre Retrospektive, die zuvor im Sprengel-Museum in Hannover zu sehen war, aus Anlass der Verleihung des Spectrum-Preises für Fotografie der Stiftung Niedersachen, noch einmal mit anderen Augen betrachtet werden.

Darüber hinaus gewinnt die Ausstellung im Haus am Kleistpark in weiterer Hinsicht an Brisanz, ja an Rasanz. Die Terroranschläge seit dem 11. September 2001, der Irakkrieg, die Folterszenen von Abu Ghraib und die Bilder der Gefangenen von Guantanamo veranlassten die heute 63-jährige Künstlerin, ihr in den sechziger und siebziger Jahren entwickeltes Collageverfahren der Serie „Bringing the War Home“ erneut aufzugreifen. Wieder sind es Luxussuiten, Designerküchen, hinter deren Fenstern und Ofenklappen sich das Grauen abspielt. Das wirkt zwar simpel, wenn auf der einen Seite knapp bekleidete amerikanische Models defilieren und auf der anderen Seite sich in Burkas verborgene irakische Frauen wegzuducken suchen. Und doch hat diese vergessen geglaubte, drastische Bildsprache ihre Berechtigung, zumal in diesen Tagen. Das Unglück von New Orleans könnte der Auslöser für eine neue Bürgerrechtsbewegung sein, die an jene Phase der Politisierung in den sechziger Jahren anknüpft, in der auch Martha Rosler ihr künstlerisches Vokabular entwickelte. Die Aggressivität ihrer Bildkombinationen, das unverhohlene politische Sendungsbewusstsein treffen unvermutet den Nerv der Zeit.

Bis heute ist Martha Rosler eine Politkünstlerin reinsten Wassers geblieben und gerade in dieser Funktion ein wichtiges Vorbild für eine jüngere Künstlergeneration, die sich erneut mit politischen Inhalten auseinander setzt. Und dennoch wäre es zu wenig, ihr Werk allein unter diesem Aspekt zu betrachten. Insbesondere die jüngst entstandenen Fotoserien, die an öffentlichen Orten wie Flughäfen, U-Bahn-Stationen oder Einkaufsmeilen entstanden, entwickeln durch ihre vermeintliche Beiläufigkeit eine große Sogkraft. Die Kuratoren der RoslerRetrospektive von der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst haben sich entschieden, die verschiedenen Motivreihen einfach hintereinanderweg in Parraelprojektionen an die Wand zu werfen. Staunend lässt der Betrachter den Bilderreigen von schlafenden Fahrgästen, tristen Subway-Röhren, glitzernden Rolltreppen und trostlosen Schaufensterauslagen, gemischt mit Blumenbildern aus Parkanlagen an sich vorüberziehen und fragt sich am Ende: Wenn das unsere Umwelt ist, die uns konditioniert, wer sind dann wir?

In einem Interview, das im Katalog abgedruckt ist, hat Martha Rosler zumindest für sich eine Antwort darauf gefunden: „Nimm dich in Acht davor, Zielen anderer zu folgen – einschließlich denen des Marktes; vermeide eine abstumpfende ,Professionalisierung’. Schau dir die Dinge ganz genau an, die andere für selbstverständlich halten.“ Der Blick durch die Kamera hat sie sensibilisiert für Machtstrukturen, die im öffentlichen Raum abgebildet sind.

Von den Hochglanzmagazinen der sechziger Jahre zu den glamourösen Shoppingmalls der Achtziger war es für sie nur ein Sprung. Während die Künstlerin damals mit gewagten Bildkombinationen aufzurütteln, ja zu agitieren versuchte, bildete sie in der Folgezeit zwecks Aufklärung nur noch ab. In der Zeit des Irak-Kriegs ist die alte Schärfe jedoch zurückgekehrt. Und manches ihrer Bilder scheint den aktuellen Politisierungsschub in den USA gleichsam vorwegzunehmen.

Haus am Kleistpark, Grunewaldstr. 6-7, bis 23.Oktober, Di–So, 14–19 Uhr. Katalog 29 €.

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