Kultur : Krieg im Körper

Mit seiner dritten Ausgabe hat sich das Festival „In Transit“ in Berlin etabliert

Sandra Luzina

Auf seiner Brasilien-Reise spielte der Regisseur (und Dramatiker) Armin Petras in den Favelas Fußball – und er hat die vielen Blinden in den Straßen studiert, die sich allein durchs Leben schlagen müssen. Mitten in São Paulo ist Fritz Kater, Petras’ schreibendem Alter Ego, dann der „Simplicissimus“ eingefallen.

Mit der Uraufführung von „mach die augen zu und fliege oder krieg böse 5“ (Spielort war das Maxim Gorki Theater) endete das Berliner Performance-Festival In Transit. Dabei geschah nicht das, was bei solchen Gelegenheiten oft zu befüchten ist: Ein Theatermann wird in die Welt geschickt und macht ein Projekt, in dem er uns mal schnell die fremde Kultur erklärt. Petras hat kein Stück über Brasilien und über die Armut als Form des Bürgerkriegs geschrieben. Er mimt nicht den Touristen – obwohl es da eine lustige Szene gibt über zwei männliche Touristen an exotischen Stränden. Petras gräbt das Vergessene der eigenen Kultur aus.

Sehr fremd mutet diese deutsche Simplex-Figur mit ihren Schilderungen aus dem Dreißigjährigen Krieg an. Das wird nochmals übersetzt in eine andere Erzählung: über den Krieg im eigenen Körper. Wenn Andrej Kaminski und Peter Moltzen auf die dänische Schauspielerin Pernille Sonne treffen, dann ist Blindheit nicht nur als Metapher gemeint. Die blinde Protagonistin wird von der Choreografin Lara Kugelmann zart berührt und gelenkt, aber eigentlich ist sie es, die durch den Abend leitet. „mach die augen zu und fliege oder krieg böse 5“ ist kein fertiges Stück, vielmehr ein offener Denk- und Erfahrungsraum, in dem sich die Protagonisten tastend orientieren. Am Ende fassen die Akteure sich bei den Händen, schließen die Augen – und träumen vom Fliegen. Und vielleicht träumen sie ja vom dritten Körper.

„The Third Body“ lautete das ungreifbare Motto dieser dritten Edition des Festivals In Transit vom Haus der Kulturen der Welt (HKW). Damit assoziiert man natürlich die Dritte Welt, und auch das Dritte als etwas, das die Logik des Einen und des Anderen überwindet. Koffi Kôkô, dem aus Benin stammenden und in Paris lebenden Kurator, ist es zusammen mit Johannes Odenthal vom HKW gelungen, eine einladende Atmosphäre und einen Raum der offenen Kommunikation zu schaffen. Kôkô, der Künstler und Priester, schwebte wie ein freundlicher Hausgeist durch die Hallen. Durch diese krochen auch schon mal die Künstler des „Lab“, dessen Leiter Andre Lepecki es immer wieder um die Einübung in postkoloniales Denken zu tun ist.

In Transit, das mit einem Auftritt von Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka eröffnet worden war, zeigte überwiegend animierende Stücke, auf die das Ethno-Label nicht mehr passt, die aber auch nicht den Crash der Kulturen forcieren. Neben Flops wie Kazuko Watanabes „Underground“-Spektakel gab es auch jene seltenen Glücksfälle, von denen jeder Festivalmacher und -besucher träumt. In der chinesischen Produktion „Jue – Erwachen“ stehen mit Luo Lili und Gaoyan Jinzi, der ersten Tänzerin der Beijing Modern Dance Company, Mutter und Tochter sowie die Generation vor und nach der Kulturrevolution gemeinsam auf der Bühne.

Auf der einen Seite die Mutter mit ihren kodifizierten Bewegungen, die einem starren Gebot weiblicher Anmut gehorchen. Auf der anderen Seite die rebellierende Tochter, die die Form aufsprengt, sich mit aufgelösten Haaren und flatterndem Gewand freitanzt. Ein atemberaubendes Stück, auch dank der so aufrührenden Komposition von Liu Sola. Die Kunst der Verschmelzung zeigten die Afrikaner – wie die Frauen von Tché Tché von der Elfenbeinküste und die Männer von Kongo Ba Téria aus Burkina Faso zusammenarbeiteten. Hier gelang eine energetische Vereinigung, an der auch der Zuschauer teilhaben konnte.

In Transit hat sich in seinem dritten Jahr zu einem Uraufführungsfestival entwickelt, das stark ausstrahlt in die Hauptstadt, das ein großes Publikum anzieht und inzwischen auch anders wahrgenommen wird: wie in einer exotischen Randzone fühlten sich weder die Künstler noch die Besucher. Das Schöne war, dass man die Verschiebung der Wahrnehmung in den Aufführungen erleben konnte, ohne groß instruiert oder initiiert zu werden: einfach großstädtisch. Nächstes Jahr wieder.

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