Kultur : Krieg im Konjunktiv

Norbert Gstreins Balkan-Roman „Das Handwerk des Tötens“: Versuch über Leben und Sterben eines Reporters

Caroline Fetscher

Ein Mann schreibt über einen anderen Mann, der über einen Freund schreiben will, der seinerseits über Menschen im Krieg geschrieben hat und dabei ums Leben kam. Keiner der drei Männer kennt oder kannte den anderen besonders gut. In dieser dreifachen Volte ist angelegt, worum es Norbert Gstrein in seinem neuen Roman „Das Handwerk des Tötens“ geht: um das Indirekte, Vermutungsreiche, Vagemutige. Der Ich-Erzähler, ein in Hamburg arbeitender Journalist aus Wien, bleibt anonym. Sein Kollege Paul, ein mäßig erfolgreicher Reisereporter aus Tirol, kannte Christian Allmayer, der als Reporter im Kosovo-Krieg im Sommer 1999 erschossen wurde und eine Witwe, Isabella, hinterließ. Aus Gründen, die nicht recht nachvollziehbar sind, packt Paul, der eigentlich Romanautor sein möchte, die Obsession, über Allmayers Leben und Sterben zu schreiben.

Absichtsvoll wacklig ist diese Architektur eines Romans im Roman, der am Ende nicht entsteht – und auch gar nicht entstehen soll. Der Autor, der die Fäden verlieren will, räumt das in seiner so rätselhaften wie prekären Widmung auf der ersten Seite des Buches gleich ein: „zur Erinnerung an Gabriel Grüner (1963-1999), über dessen Leben und Tod ich zuwenig weiß, als dass ich davon erzählen könnte.“ Jener Gabriel Grüner war ein „Stern“-Reporter, der am 13. Juli 1999 in Kosovo auf der Straße von Prizren nach Prishtina mit einem Fotografen und dem albanischen Übersetzer erschossen wurde. In einem Rundfunkinterview gab Gstrein freilich an, Gabriel Grüner gekannt zu haben – mehr allerdings wolle er dazu nicht sagen.

Sein Dilemma, nicht erzählen zu können und doch erzählen zu wollen, überträgt der 42-jährige österreichische Autor, der heute in Hamburg und London lebt und zuletzt das „Selbstportrait mit einem Toten“ veröffentlichte, auf den namenlosen Ich-Erzähler sowie auf einen Möchtegern-Schriftsteller. Was dem einen ermöglicht, den anderen, den ihm oft lästigen Paul, distanziert zu observieren und zu kritisieren: „,Mir gefällt die Art nicht, wie wir darüber sprechen (...) Für mich hat es etwas Hyänenhaftes’.“ Jedem Einwand, auch der Autor Gstrein sei auf Sensationelles aus, begegnet sein Erzähler vorweg, indem er im Zweifel den Möchtegern-Autor Paul dafür verantwortlich macht.

Allmayers Wahn

Der Erzähler begleitet Paul auf der Suche nach Allmayers Leben, nach seinen Artikeln und Interview-Bändern, seiner Witwe, seinen Kollegen. Allmayer: Der Name ist Joseph Conrads Borneo-Roman „Allmayers Wahn“ entlehnt, er hatte als Reporter bald ein Jahrzehnt Krieg und Krise hinter sich, von Vukovar bis Prizren. Jahre zwischen Hotels und Panzern, Flüchtlingen und zerschossenen Dörfern. Was er dabei empfunden, gehört, erlebt hat, bleibt bei dieser Suche fast durchgängig konjunktivisch; es kippt nur manchmal sehr unvermittelt in den Indikativ: „Dann habe er zwei Gläser Wein in einem Zug ausgetrunken und sei mit ineinander verknoteten Händen dagesessen, schaute durch Schreyvogel hindurch und entschuldigte sich, nicht gesprächiger zu sein.“

Er habe, er wäre, er sei: So bewegt man sich durch einen mit Hypothesen vollgesogenen Schachtelhalm. Keinem kann man trauen, keinem Wort, keinem Zitat. Welche Realität aber hatte Allmayer in seinen Greuelberichten aus den Kriegen mitgebracht? Und was heißt das für seine Frau? Über diese spekuliert der Erzähler: „Ich weiß natürlich nicht, was Allmayer ihr gerade in seinen schlaflosen Nächten alles erzählt hat, aber ihre Art der Darstellung störte mich. Es waren mir zu viele Paradoxa, mit denen sie beabsichtigte, nichts an sich heranzulassen...“

Der wahre Allmayer, fragt man sich, war der nicht wie fast alle halbgebildeten Kriegsberichterstatter mit ihrem „Sportreportergehabe“? Trotzdem hatte er wohl einen besonderen Zorn auf den Kriegstourismus von Schriftstellern, die sich als „weltfremde Träumer“ in Belgrad, Sarajevo oder Zagreb „die Sonne auf die Bäuche scheinen ließen“, so wird hier kolportiert. Irgendwie ist Peter Handke gemeint.

Paul also fährt nach Ex-Jugoslawien, er versteht die Landessprache nicht und braucht seine Freundin Helena, Einwandererkind aus Kroatien, um ihm als Übersetzerin und Erklärerin zu dienen. Der Ich-Erzähler findet Helena attraktiv, bezichtigt Paul antikroatischer Empfindungen und scheint zu glauben, er wäre für Helena der bessere Geliebte, ließe sie es nur zu. Mit ihr gemeinsam fahren die Männer in das Haus ihrer Großmutter, in ein fast verlassenes Dorf. Sie sprechen mit dem Angeber und Kriegsverbrecher Slavko, den Allmayer einmal interviewt hatte, hören Allmayers Tonbänder ab, während Helena kroatische Wortfetzen übersetzt. Sie versuchen, das unsichtbare, unlesbare Gefühlszelt zusammenzuflicken, in dem Allmayer gewohnt haben mag, und sie scheitern alle, während der Autor ihnen zusieht, vom unangreifbaren Turm des Außenstehenden. Von Paul erfahren wir, dass er sich am Ende in Zagreb mit Schlaftabletten das Leben nimmt: „Ich werde nicht mehr schreiben“, steht auf dem Zettel, der als Abschiedsbrief gilt. Und darunter liegt Cesare Paveses Buch „Das Handwerk des Lebens“.

Liegt er also vor uns, der erste große deutschsprachige Roman über die jugoslawischen Zerfallskriege, als der „Das Handwerk des Tötens“ im Vorfeld bereits promoviert wurde? Auch wenn Norbert Gstrein schon im Titel mit der brachialen Metaphorik des Krieges arbeitet – es geht dem österreichischen Autor in seiner unaufgeregten Prosa viel eher um das prekäre Handwerk des Festhaltens. Jedwedes Dokumentieren, Fotografieren, Schreiben von Reportagen, alles Fixierende, womit und worin Wirklichkeit suggeriert wird, trägt für ihn die Spur des Tötens oder Abtötens. „Fakten, Fiktionen und Kitsch beim Schreiben über ein historisches Thema“, nannte Gstrein das in einer Rede in Wien. Dass er allen drei Elementen um jeden Preis ausweichen will, zeigen schon seine früheren Werke. Er näherte sich, wie auch hier, den Menschen und Dingen nur kaleidoskopisch. Festzulegen galt es gar nichts, auch keine Sympathien. Aber was will er wirklich? Wozu die Umkreisungen des Sujets, die Zitate von Zitaten, zu denen kein Zutrauen erwachsen soll, die Stille Post als Stilprinzip und der beharrliche Konjunktiv als Verbündeter der Skepsis?

Ruhm, posthum

Gstrein hat keinen expliziten Anti-Journalismus-Roman geschrieben, Allmayers Profession blitzt nur als Dilemma auf: Es muss wohl Reporter geben, aber der Beruf bleibt voller Widersprüche. Es ist jedoch auch kein Buch über den Krieg. Über beides, Journalismus und Krieg, schrieb Nicolas Born 1979 seinen Beirut-Bürgerkriegsroman „Die Fälschung“. Gstrein versucht nun nicht an Born anzuknüpfen. „Das Handwerk des Tötens“ ist nur am Rande ein Roman über Ex-Jugoslawien, kein Handke und kein Gegen-Handke. Am ehesten handelt es sich um einen Versuch, über das Misstrauen gegenüber dem Wort zu schreiben. Und zum Misstrauen gehört in diesem Fall ein Nachsatz.

Auch Lilly, die Exfreundin Allmayers, schreibt im Buch ihrerseits ein Buch über den Ermordeten, „aber sie zeichnete in ihm ein Bild von Allmayer, wie ich es mir nicht vorstellen wollte, derart fix und fertig war es von Anfang an auf das Ende ausgerichtet, geradeso, als wäre nie etwas anderes möglich gewesen als das, was dann eintreten sollte.“ Hier scheint Gstrein nun allerdings mit dem parallel zu seinem Roman publizierten Bericht der wirklichen Freundin des wirklichen „Stern“-Reporters zu spielen. Beatrix Gerstbergers Buch „Keine Zeit zum Abschiednehmen. Weiterleben nach seinem Tod“ ( im Marion Schröder Verlag) versammelt im Genre typischer Betroffenen- und Selbsthilfeliteratur die Berichte von Frauen, die den Tod ihres Mannes zu bewältigen versuchen. Auf 40 Seiten gesteht sich da die Freundin des Reporters alle Elemente des Dokumentarisch-Distanzlosen zu, auch das trauernde „Du“ der Briefform, alles, was Gstrein ästhetisch und semantisch meidet. Aus einem Hotel in Mazedonien wird ihr der Rucksack des Toten mitgebracht, von dem sie ein Kind erwartet. Chefredakteure drucken das Foto des Reporters auf dem Titelblatt und senden Beileidstexte. „Ich sehe erstaunt, wie sich die Leute deiner bemächtigen, sagen, sie allein hätten dich gut gekannt. Eine Schriftstellerin, die du einmal kurz in Mazedonien getroffen hast, erzählt in einer Talkshow, was für ein Mensch du warst.“ Am posthumen Ruhm eines der Aberhunderten von Kriegsberichterstattern wollen viele teilhaben.

Nun hätten die beiden Bücher rein gar nichts miteinander zu tun, stünde nicht der Name des Reporters in der eigenartigen Widmung dem Buch voran, gefolgt noch von einem Zusatz auf kroatisch: „i za Suzanu“, (und für Suzana), als sollte das die Authentizität nochmals steigern. Aus dem Widerspruch des Authentizitäts-Skeptikers, der dann doch, fast kokett, Stoff und Quelle preisgibt, um die Neugier zu nähren, erwächst ein Unbehagen. Das bleibt.

Norbert Gstrein: Das Handwerk des Tötens. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003, 386 Seiten, 22,90 Euro.

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