Kultur : Krieg in Afghanistan: Auf der Suche nach dem Ziel

Otfried Nassauer

Für Gerhard Schröder hätte die Nachrichtenlage aus Afghanistan sich kaum günstiger entwickeln können. Just in jenen Tagen, in denen er die in den Koalitionsparteien heftig umstrittene Entscheidung über die Bereitstellung von Bundeswehreinheiten zur Bekämpfung des Terrorismus durch den Bundestag presste, schienen die Meldungen aus dem Kriegsgebiet die Kritiker dieses Einsatzes wichtiger Argumente zu berauben: In schneller Folge eroberte die gegen die Taliban kämpfende und von massiven US-Luftangriffen unterstützte Nordallianz zunächst die Mehrzahl der wichtigen afghanischen Städte. Sie übernahm die Kontrolle über die Mehrheit der afghanischen Provinzen. Und am Ende der Woche war das Herrschaftsgebiet der Taliban und der mit diesen kooperierenden arabischen Al-Kaida-Kämpfer auf deren Hochburg Kandahar und die an Pakistan angrenzenden Provinzen im Süden und Südosten Afghanistans sowie kleinere Exklaven im Norden zusammengeschrumpft.

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Ins Vergessen gerieten darüber Diskussionen über den völkerrechtlich zweifelhaften Einsatz von Clusterbomben, Brand- und Benzinbomben, über fehlgeschlagene Angriffe auf zivile Ziele wie Lager mit Uno-Hilfsgütern, normale Dörfer, Krankenhäuser und Moscheen und zivile Opfer. Irrig erschienen die Bedenken, mit massiven Bombardements aus der Luft sei den Taliban wie dem Terrorismus nicht beizukommen. Zwar mahnte Washington zur Vorsicht. Noch sei der Krieg weder gewonnen noch vorüber, aber für die innenpolitisch zugespitzte Debatte in Berlin reichte es. Trotz Zweifeln an der Richtigkeit und Wirksamkeit militärischer Terrorbekämpfung - der innenpolitische Druck, ausgelöst durch die Vertrauensfrage des Kanzlers und die Aussicht auf eine militärisch abgesicherte, dringend nötige humanitäre Hilfsaktion für die notleidende afghanische Bevölkerung bescherte dem Kanzler die gewünschte Mehrheit und die erhoffte militärische Handlungsfreiheit für die Bundesregierung.

Während Spezialkommandos aus den USA und Großbritannien die Jagd auf die Führer der Taliban und von al-Qaida fortsetzen, aufständische Paschtunen in den weiter von den Taliban kontrollierten Gebieten unterstützen und Tag für Tag, Nacht für Nacht Kampfflugzeuge deren verbliebene Stellungen auf Heftigste bombardieren, wird zugleich eifrig und hektisch eine militärische Operation zur Absicherung humanitärer Hilfe vorbereitet. Sie soll aus den von der Nordallianz kontrollierten Gebieten heraus operieren. Weder die USA noch Russland wollen dafür Truppen stellen. Großbritannien und Frankreich bereiten militärisch erste Operationen vor; immer wieder ist unter anderem von der Türkei, Italien und Deutschland als möglichen Beteiligten die Rede, auch wenn ein solcher Einsatz im Rahmen des Bundestagsbeschlusses nur mit wenigen, kleinen Einheiten unterstützt werden könnte.

Russland warnt, für eine solche Operation sei es zu früh und die Lage noch zu unruhig. In Moskau mag man sich erinnert haben, dass es auch den sowjetischen Truppen bei ihrem Einmarsch relativ schnell gelang, die Kontrolle über Städte und Täler Afghanistans zu erlangen, die eigentlichen Schwierigkeiten dann aber erst begannen - die unwirtlichen Gebirgs- und Hochgebirgsgebiete Afghanistans erwiesen sich als unkontrollierbar. Der Kreml dürfte zudem das unübersehbare Warnsignal der Nordallianz unter dem zurückgekehrten Exil-Präsidenten Rabbani vernommen haben: Diese verlangt, dass britische Sondereinsatzkommandos, die zur Vorbereitung der Nutzung eines nordafghanischen Flugplatzes für humanitäre Hilfslieferungen eingetroffen sind, bis auf einige wenige Soldaten sofort wieder abgezogen werden. Die Begründung: Deren Ankunft sei nicht abgesprochen und zudem: Es bedürfe keiner ausländischen Soldaten auf afghanischem Territorium. Ein mehr als deutliches Signal, dass die gegen die Taliban kämpfenden Clan-Führer Afghanistans zwar die militärische Unterstützung der USA und ihrer Verbündeten aus der Luft gut gebrauchen konnten, eine dominante Rolle des Auslands bei der Ausgestaltung einer Nachkriegsordnung in ihrem Land aber ablehnen. Als Sieger am Boden beanspruchen sie das Recht, diesen Prozess selbst zu lenken.

Und schließlich die Taliban. Es ist schwer, einzuschätzen wie viel militärische Macht ihnen verblieben ist, wie sehr ihre Reihen durch die Flächenbombardements der USA gelichtet wurden. Die Informationen widersprechen sich. Haben sie und die Kämpfer der al-Qaida weite Teile Afghanistans geräumt, die Frontlinien vor Beginn der Bombardements ausgedünnt und ihre Kämpfer abgezogen, so wären die schnellen Erfolg der Nordallianz ebenso schlüssig zu erklären, wie wenn Tausende von Frontkämpfern der Taliban diesen Bombardements zum Opfer gefallen wären. Für die Zukunft aber ergäbe sich ein jeweils sehr unterschiedliches Bild. Wären die Taliban militärisch stark geschwächt worden, so wäre außerhalb der von ihnen noch kontrollierten Gebiete mit begrenzten militärischen Auseinandersetzungen von guerillaartig operierenden Gruppen zu rechnen - in weiten Teilen Afghanistans wäre also von einem existenten, aber doch kalkulierbaren Risiko auszugehen. Ob dieses dennoch unkalkulierbar werden könnte, würde wesentlich davon abhängen, ob es gelingt, mit den Clans der Nordallianz und der Paschtunen ein Arrangement über die Rolle der ausländischer Truppen zu erreichen. Gelänge dies nicht, so wäre die geplante humanitäre Hilfe ebenso gefährdet wie deren militärischer Schutz. Wäre eine Schwächung der Taliban aber nicht gelungen und hätte ihr Rückzug in den Süden und Südosten des Landes nicht stattgefunden, so würde der Krieg in Afghanistan in eine neue, entscheidendere Phase eintreten. Dort - in gebirgigem und vertrautem Gelände - könnten diese Kämpfer ihre wohl größte Stärke, die Verbindung von normalen militärischen Operationen mit dem Guerillakampf ausspielen. Das Ende solcher Kämpfe wäre noch lange nicht in Sicht.

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