Kultur : Krieg in der Küchenzeile

„Die Stadt“ / „Der Schnitt“: Stücke von Martin Crimp und Mark Ravenhill an der Berliner Schaubühne

Andreas Schäfer

Was für ein Theater! Riesige Projektionswände, auf denen vereinzelte Menschen durch Maschinenhallen laufen oder in gleißendem Licht verschwinden. Technoknistern aus den Boxen. Ein Performancekünstler, der auf einem Podest, hoch über den Köpfen der Zuschauer, zuckt wie ein Roboter, bei dem die Sicherungen durchgeschmort sind. Man wird auf den neuen Theaterabend von Thomas Ostermeier und Raumbildner Jan Pappelbaum vorbereitet wie auf einen Boxkampf. Die Technik der Schaubühne hat nicht nur zwei Säle zu einer Halle verschmolzen, in der ein futuristischer Dämmer herrscht; darin stehen sich auch zwei Theaterarenen gegenüber, kalt beleuchtete Bühnenstege, an deren Seiten Sitzreihen steil ansteigen. Dazwischen öffnet sich leerer Raum, in den sich – nachdem die Hostessen mit den Sonnenbrillen alle verwirrten Zuschauern platziert haben – schließlich eine dunkle Wand herabsenkt, um die beiden Bereiche tondicht voneinander zu trennen. Heute werden nämlich zwei Stücke gespielt.

Bevor also das erste verständliche Wort fällt, hat Thomas Ostermeier seinen beiden britischen Dramatiker-Freunden Martin Crimp und Mark Ravenhill schon eine dolle Science-Fiction-Atmo als Begrüßungsgeschenk vor die Füße gelegt. Ganz schön viel Glitzerverpackung, denkt man, für das, was gleich auf der Bühne zu sehen sein wird. Andererseits ist die Dankbarkeitsbezeugung Ostermeiers auch ein feiner Zug. Mit britischen Stücken wurde Ostermeier groß, sein Durchbruch gelang ihm, damals noch an der Baracke des DT, mit Ravenhills „Shoppen und Ficken“. Dramaturgisch dient die pompöse Geste vor allem zu einem: Das technoide Tohuwabohu, das Gefühle der Bedrohung, Kontrolle und frei flottierender Paranoia herstellen soll, lenkt davon ab, dass unter dem Schlagwort „Der neue Mensch“ zwei Stücke gezeigt werden, die – von ihrer Kürze und dem Kammerspielsetting abgesehen – kaum Gemeinsamkeiten haben.

„Die Stadt“ von Martin Crimp, die in Berlin ihre Uraufführung erlebt, erinnert mehr an französische Formspiele des nouveau roman: Ein Paar leidet. Claire ist statt Schriftstellerin nur Übersetzerin geworden. Chris leidet unter seiner Arbeitslosigkeit. Am meisten leiden die beiden aber darunter, dass sie keine Worte des Austauschs finden. Alles klar?, fragt der eine. Ja klar, warum fragst du? Und dann glotzen sich Bettina Hoppe und Jörg Hartmann linkisch und verunsichert über die chromglänzende Küchenzeile an, dass man ihre Hilflosigkeit förmlich mit Händen greifen kann.

Geschickt lotst Crimp den Krieg durch die Gartentür in dieses Ehedrama, indirekt, durch Erzählungen, so dass man nie weiß, ob der Terror real oder nur Ausgeburt einer panischen Fantasie ist. Plötzlich taucht die Krankenschwester Jenny auf, beschwert sich über das Lärmen der Kinder und behauptet, dass ihr Mann als Militärarzt im Krieg ist, bei dem es um die „Pulverisierung“ einer Stadt gehe. Und Clair behauptet, sie sei von dem Schriftsteller Mohammed angesprochen worden, der in seiner Heimat gefoltert worden sei. Spiegelt der Krieg nur das Desolate der Beziehung wider? Oder ist er schon so tief in das Denken eingedrungen, dass er soziale Bindungen unmöglich macht, wie es bei der Krankenschwester Jenny zu vermuten ist.

Lea Draeger spielt diese einsame Nachbarin bewegend als dünnhäutiges Reh am Rande des Nervenzusammenbruchs. Den Kopf vorgestreckt, empört sie sich bei jedem falsch verstandenen Wort, zuckt bei körperlicher Annäherung zurück und lässt sich von der eigenen Stimme zu Tränen rühren. So wie ihr, geht auch dem Paar zusehends das Gespür für die angemessene Reaktion verloren. Jedes Gespräch beginnt auf handfestem Küchenniveau, führt die Figuren aber durch Assoziationssprünge und verschlungene Anekdoten in eine wundersam anmutende Welt der Verwirrtheit und romantischer Spiegelungen.

Am Ende muss Crimp leider erklären, woran es liegt, dass den Figuren etwas Zombiehaftes anhaftet. Auch wenn der Schluss enttäuscht – unter der behutsamen, präzisen Regie Ostermeiers gelingt den drei Schauspielern eine schmerzhafte Geschichte über das Sich-und-einander-Fremdwerden. Dann ist Pause.

Und dann sieht man in der anderen Arena Mark Ravenhills Stück „Der Schnitt“, das in einer im Umbruch befindlichen autoritären Gesellschaft spielt, in der der Staat durch operative Eingriffe aus den Bürgern ichlose Glücksroboter macht. Doch jetzt ist die „neue Garde“ an der Macht, alles soll „menschlicher“ werden. In drei Szenen wird gezeigt, wie Paul, der früher als Handlanger des Systems besagte Schnitte durchführte, nun mit seinen Taten konfrontiert wird. Zwischen Rechtfertigung und selbstgerechtem Selbsthass landet Paul nicht nur im Gefängnis, sondern auch in einer Gefühlssackgasse.

Dass dieses Psychogramm eines Täters auch auf der Bühne leblos bleibt, liegt an der schaurigen Figurenzeichnung. Ravenhill hat Paul (Thomas Bading) nicht nur unendlich oft das Wort „Scheiße“, sondern auch viele thesenhafte Sätze über Schuld und System in den Mund gelegt. Der Jubel der mitgereisten Londoner Freunde ist trotzdem groß.

Wieder am 26. 3. sowie am 25., 26., 28. und 29. April.

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