Kultur : Krieg und Frieden, bezeugt von Agfa

Bilder vom Gelobten Land: Zwei Künstler bringen Israelis und Palästinenser mit Einwegkameras ins Gespräch

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Herr Shouker, als das „PenPal Project“ 1997 startete, schien eine Lösung des palästinensich-israelischen Konflikts zum Greifen nahe.

Shouker: Es war eine Zeit der Euphorie in Israel. Alle fühlten, es gebe eine Chance für den Frieden. Das gab uns Antrieb. Wir wollten den Menschen in Israel und in den palästinensisch verwalteten Gebieten helfen, persönliche Kenntnisse voneinander zu gewinnen. Und zwar andere als die, die von den Medien vermittelt werden. Es liegt in der Natur der Medien, vor allem das Negative zu zeigen: Katastrophen, Morde, Anschläge.

500 Einwegkameras wurden an israelische und palästinensische Jugendliche verteilt, mit der Aufgabe, sich selbst und ihre Umgebung zu porträtieren. Dann wurden die Kameras gesammelt, die Bilder entwickelt und jedes Foto-Paket mit der Adresse eines Brieffreundes auf der anderen Seite der Grenze versehen.

Shouker: Wir haben die Bilder in Postkarten verwandelt und an den jeweiligen Urheber zurückgesandt. Dann sollte er oder sie für anderthalb Jahre mit dem Briefpartner korrespondieren, den wir auf Grund des Alters und ähnlicher Interessen gewählt haben.

Was war die Absicht?

Shouker: Dass sich die Jugendlichen kennen lernen. Es gab zu der Zeit viele Versuche von Künstlern, Palästinenser und Israelis zusammenzubringen. Sie scheiterten immer an den Check-points, wo die Soldaten sie aufhielten. Wir haben gedacht, ein Briefwechsel könne dieses Hindernis umgehen.

Wie haben die Jugendlichen das Projekt angenommen?

Shouker: Es war unglaublich: Jeder wollte mitmachen. Vor allem die palästinensischen Jugendlichen. Man merkte, dass sie wirklich ein Bedürfnis hatten, Israelis kennen zu lernen und sich so zu zeigen, wie sie sind. Dem Stereotyp des Steine werfenden Palästinensers zu widersprechen. Viele israelische Teens hat es sehr überrascht, dass ihre Briefpartner Englisch können und dieselben Poster in ihre Zimmern hängen.

Frau Lauterbach, „Promised Land“ ist im Sommer 2001 entstanden. Die zweite Intifada hatte schon begonnen.

Lauterbach: Einen Tag, bevor ich nach Jerusalem kam, waren bei einem Attentat in Tel Aviv, wo ich mich zunächst aufhielt, 17 Jugendliche ums Leben gekommen. Es war, als hätte sich eine große, dicke Wolke über das Land gesenkt, es war ein Schock.

Sie haben Einwegkameras an Israelis, Palästinenser und in Israel lebende Ausländer verteilt und sie gebeten, zu fotografieren, was sie mit dem Begriff „Promised Land“ verbinden.

Lauterbach: „Promised Land“ ist ein provokanter Begriff: das biblische Gelobte Land, das Land, das Gott den Juden versprochen hat, aber auch das Land im Sinne von Heimat. Es hatte die Osloer Verträge gegeben mit dem Versprechen, das Land zu teilen, gemeinsam zu bewohnen. Davon war keine Rede mehr. Der Begriff irritierte Israelis wie Palästinenser.

Wie sind Sie an die Leute herangekommen?

Lauterbach: Mir wurde schnell klar, dass ich durch Organisationen niemanden erreichen würde, das Misstrauen war zu groß. Also habe ich gedacht: Die einzige Möglichkeit ist, dass ich persönlich mit Leuten ins Gespräch komme, die dann sagen: Auf Grund dieses Gesprächs möchte ich den Dialog weiter führen. So ist das Projekt entstanden.

Haben Sie alle 26 Teilnehmer des Projektes persönlich angesprochen?

Lauterbach: Nach Ramallah bin ich nicht gefahren, das Risiko, in eine Schießerei zu geraten, war zu groß. Ich habe Fernsehjournalisten zwei Kameras einschleusen lassen, mit der Bitte, sie an Bekannte weiterzugeben, mit denen ich dann telefonierte. Alle andere Teilnehmer lernte ich persönlich kennen.

Was bewegt eine deutsche Fotografin, im Sommer 2001 zwei Monate in Jerusalem zu verbringen, um sich mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt auseinander zu setzen?

Lauterbach: Das hat mit Erlebnissen zu tun, die mich geprägt haben. Nach dem Mauerfall bin ich nach Lodz gefahren. Lodz war eine blühende polnische Stadt mit einer jüdischen und einer deutschen Gemeinde gewesen. Von der dortigen jüdischen Gemeinde habe ich ein fotografisches Porträt gemacht. Später, in Berlin, lernte ich per Zufall Juden kennen. Mit einem von ihnen, dessen Eltern Auschwitz überlebt hatten, fuhr ich wieder nach Polen. Wir suchten die Häuser, in denen seine Familie gewohnt hatte. So wurde ich in das Thema „Land, Heimat, Herkunft“ eingeweiht. Und in die Trauer und den Schmerz, die mit der deutsch-jüdischen Geschichte verbunden sind.

Mittlerweile leben in Israel viele Juden, die aus arabischen Ländern kamen. Herr Shouker, Ihre Eltern stammen aus dem Irak. Spielt das eine Rolle in Ihrem Leben?

Shouker: Bestimmt. Für das Pen-Pal-Projekt hat es eine große Rolle gespielt. Ich bin in Tel Aviv geboren, meine Eltern sind aber erst in den 50er Jahren aus dem Irak nach Israel gekommen. Wenn sie von mir nicht verstanden werden wollten, sprachen meine Eltern Arabisch miteinander. Nach dem Sechs- Tage-Krieg fragte ich mich, ob meine Eltern Spione des Feindes seien. Denn das wurde einem so in der Schule beigebracht: Arabisch ist der Feind. Wir arabischstämmige Juden sind alle mit einem Minderwertigkeitskomplex aufgewachsen, wir schämten uns für unsere Eltern, für ihre orientalische Mentalität. Erst vor zehn Jahren hat ein Umdenken angefangen. Wir haben gemerkt, dass wir viel mit den Palästinensern gemein haben. Darauf sollte man bauen, statt sich zu bekämpfen. Das Pen-Pal-Projekt ist jetzt nur noch ein Dokument, das nichts über die aktuelle Lage in Israel sagt. Es erinnert aber daran, dass ein Dialog zwischen israelischen und palästinensischen Jugendlichen vor nicht allzu langer Zeit stattgefunden hat. Was in jenen hoffnungsvollen Jahren passiert ist, kann sich jederzeit wiederholen.

Das Gespräch führte Aureliana Sorrento .

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