Kultur : Krieg und Konvulsionen

KUNST

Ulrich Clewing

Möglich, dass dieser Abend daran krankte, unter einem im Wortsinn unmöglichen Thema zu stehen. Ist die moderne Kunst einem Phänomen wie dem Krieg noch gewachsen? Dieser Frage wollte Peter Bürger , Professor für Literaturwissenschaft und ästhetische Theorie in Bremen, im Rahmen der Mosse-Lectures an der Humboldt-Universität nachgehen. Was für ein Unterfangen! Ist doch zu bezweifeln, ob die Kunst dem Krieg jemals „gewachsen" war, beziehungsweise ihm überhaupt gewachsen sein konnte und wollte. Auf der anderen Seite gibt es unzählige Beispiele für ergreifende künstlerische Auseinandersetzungen mit Krieg als solchem. So war anfangs etwas unklar, worauf Bürger eigentlich hinauswollte. Zunächst zitierte er eine aktuelle Begebenheit: Als Colin Powell im März 2003 vor der UNO-Hauptversammlung für den Irak-Krieg plädierte, wurde während seiner Rede Pablo Picassos berühmtes Gemälde „Guernica" im Saal verhüllt – für viele damals ein untrügliches Zeichen für die gefürchtete Wirkungsmacht der Kunst.

Bürger war da anderer Meinung, machte dann jedoch einen großen Schritt zurück und ging über zur Analyse dreier Selbstbildnisse von Kirchner, Dix und Beckmann aus dem Ersten Weltkrieg. Anschließend kam er auf den von André Breton geprägten Begriff der „konvulsivischen Schönheit", einer Vereinigung widerstrebender Energien, zu sprechen – und stand am Schluss da wie jemand, der lauter Fäden spinnt, sie aber nicht mehr zusammenwebt. Breton, sagte er an einer Stelle, bliebe in seinen Ausführungen zugegebenermaßen weit gehend im Ungefähren. Das galt an dem Abend leider auch für Bürger selbst.

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