Kultur : Krieg und Liebe Dem Berliner Bildhauer

Rolf Szymanski zum 80.

Simone Reber

Kopflos Kopfstand: die beiden Figuren vor der Berlinischen Galerie überschlagen sich, verwinden sich, verdrängen sich. Sie fallen aus der Welt. „Flucht der Zeit“ hat der Bildhauer Rolf Szymanski seine Bronzeplastik genannt. Fast möchte man in der Konfusion der Körper die Atemlosigkeit der aktuellen Krise ablesen. Doch Rolf Szymanski, 1928 in Leipzig geboren, blickt sehr viel weiter zurück. Eine Schlaufe am übergroßen Fuß der Skulptur erinnert an eine 2000 Jahre alte Sandale, die der Künstler im Museum von Jerusalem gesehen hat. In Szymanskis Plastiken verschmelzen persönliche, manchmal intime Erfahrungen und Zeitgeschichte zu einer einzigen Gestalt.

„Man sollte etwas tun, was so nahe an der Liebe bleibt wie möglich“, hat der Bildhauer einmal geschrieben. Seine Figuren häuten sich, entblößen sich und geraten außer sich. Liebesakt und Geburt, die Entstehung eines Werkes aus dem vorherigen – das sind die wiederkehrenden Motive dieses Künstlers, der seine Ausbildung unmittelbar nach dem Krieg begonnen hat. 1945 bis 1950 studiert er zunächst in Leipzig, dann in Berlin und schließt das Studium als Meisterschüler von Bernhard Heiliger ab.

Die aufgerissenen Torsi seiner Plastiken, die verstümmelten Rümpfe, die grotesk aufragenden Stümpfe scheinen direkt aus der deutschen Ruinenlandschaft entstanden zu sein. 1964, bei der dritten Documenta, zeigt der Bildhauer die zwei Meter hohe Bronzefigur „Synagoge“ – einen gespaltenen Frauenleib. Im Innern von Szymanskis Skulpturen glüht nicht nur die Liebe, sondern auch der Krieg.

In der Charlottenburger Sammlung Scharf Gerstenberg ist Szymanski in der Tradition des Surrealismus zu erleben. Auch die Titel seiner Werke beziehen sich auf surrealistische Dichtungen. „Anabase“, die wiederkehrende Gestalt der sich erhebenden Frau, wie sie auf dem Campus Berlin-Buch steht, ist benannt nach den Versen des Diplomaten Poeten Saint-John Perse. Von dem Schriftsteller Uwe Johnson stammt die anschaulichste Beobachtung des Künstlers, den er in der Villa Massimo traf. Er beschreibt ihn als Nasenmenschen, der an neuen Orten Witterung aufnimmt.

Das Riechen kann beides auslösen, Genuss und Alarm. Auch als Direktor der Abteilung Bildende Kunst an der Akademie der Künste soll Szymanski mit diesem Spürsinn agiert haben. Die überlangen Fühler oder Rüssel, mit denen seine Plastiken ihre Umgebung ertasten, wirken mitunter allerdings etwas ungelenk. Szymanskis Wesen sind seltsam mit sich selbst beschäftigt. Die Betrachter müssen ihnen bewusst entgegentreten, sie umkreisen und befühlen. Dann erkennen sie den Sturz des Menschen, aber auch seine Möglichkeit zur Auferstehung. Simone Reber

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