Kultur : Krieger und Bürger

Dokumentationen über Scharon und Havel

Peter von Becker

Ist ein Dokumentarfilm schon deshalb Filmkunst, weil er mit 90 Minuten das übliche Fernsehformat übertrifft? Die exemplarische Antwort geben in Forum und Panorama zwei verschiedene Politiker-Porträts: „Obcan Havel“ („Bürger Havel“) aus Tschechien und „Sharon“ aus Israel. Im ersten Moment spricht vieles für die Nahaufnahme des seit zwei Jahren im Koma liegenden ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten. Weil Ariel Scharon als jahrzehntelanger Krieger und später unverhoffter Friedenspolitiker die wohl widersprüchlichste Figur in Israels Geschichte ist, sind alle Ingredienzen für eine spannungsvolle Auseinandersetzung gegeben. Während eine Lichtgestalt wie Václav Havel, der tschechische Widerstandspoet und erste freie Präsident seines Landes, nur für eine reine Hommage zu taugen scheint.

Das Ergebnis aber überrascht. Der ambitiöse Versuch des israelischen Regisseurs Dror Moreh, im Bild Scharons die israelisch-palästinensische Tragödie filmisch zu erhellen, verpufft schnell. Man sieht eine hektische, der Videoclipschule entsprungene Collage aus bekannten historischen Aufnahmen und ein bisschen Sharon-Homestory. Warum der einstige Falke kurz vor seinem Komafall zur Taube wurde und gegen den Widerstand seiner Partei den Gazastreifen räumen ließ, bleibt gefühlsmäßige Spekulation.

Unter den politischen Zeitzeugenaussagen ist am interessantesten eine Erinnerung von Joschka Fischer: Einmal habe ihm Scharon erzählt, dass auf seiner Farm seit mehr als 20 Jahren ein Palästinenser arbeite, der ihm auch mal bei der Geburt eines Kalbs helfe. Und Scharon habe gesagt, selbst „in diesem intimsten Moment eines Viehzüchters“ kehre er dem Araber „nicht einen Moment den Rücken zu“.

Ansonsten bringt „Sharon“ nicht mehr als eine gewöhnliche Fernsehdokumentation. Ganz anders der Havel-Film. Schon der Titel „Bürger Havel“ zeigt die Perspektive: Es geht um einen Politiker, der als Präsident ein Stück seiner Normalität als Citoyen und Künstler zu bewahren sucht. Den Regisseuren Pavel Koutecky (der vor Ende der Dreharbeiten tödlich verunglückte) und Miroslav Janek ist dabei eins der hautnächsten Prominentenporträts der Doku-Filmgeschichte gelungen.

Havel ist auf unnachahmliche Weise humorvoll und als Theaterautor auch seiner Wirkung bewusst. Er lässt die Filmemacher mit der Handkamera fast jederzeit zu. Anfangs, 1992 ist er, eben noch Präsident der CSSR, wieder nur Bürger – der nunmehr von der Slowakei abgespaltenen Tschechischen Republik. Er probt mit seinem Küchenkabinett die Kandidatur für die erste tschechische Präsidentschaft, posiert in Privaträumen für Ansprachen.

In spröden Bildern wird Historie als Alltag erzählt: Havel zwischen Terminen beim Hemd- und Hosenwechsel. Einmal hastet er im Groucho-Marx-Gang durch seinen Palast, auf der Suche nach dem russischen Präsidenten. Oder er swingt mit Bill Clinton im verrauchten Jazz-Club. Der Tod seiner Frau Olga: sehr nah, fast heikel, Havels Haupt in eine Gardine am Fenster gehüllt, als draußen der Sarg über den Hof getragen wird; sein Kampf mit dem Hardliner (und jetzigen Präsidenten) Václav Klaus. Bis er 2006 geht, wieder Bürger Havel ist und ein neues Stück schreibt, das heißt: „Abschied“. Kleines großes Kino. Peter von Becker

„Obcan Havel“: Heute 19.30 Uhr (Cinestar 8), 12. 2., 16.30 Uhr (Delphi), 14. 2, 20 Uhr (Colosseum 1); „Sharon“: Heute 17.30 Uhr (Cubix 7), 14. 2., 15.30 (Colosseum 1)

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