Kultur : Kriegskaiser

Berlins Museum für Ostasiatische Kunst blickt nach China

Michaela Nolte

Vom Thron des Kaiserensembles führt der Blick auf sechs große Hängerollen mit verdienten Heerführern. Lobgedichte erzählen von ihren Heldentaten und den naturalistisch gemalten Gesichtern sind Stolz und Kampfgeist, bisweilen aber auch die Spuren des Krieges eingeschrieben. Im Gegensatz zur lebendigen Mimik erscheinen Körper und Kleidung betont zeichenhaft und opak, und die Gesten wirken seltsam ungelenk. Kaiser Qianlong ließ die „Bilder für die Halle des Purpurglanzes“ sozusagen im Kollektiv malen: europäische Jesuitenpater porträtierten die Gesichter und chinesische Hofmaler fügten Kleider, Waffen und Rangsymbole hinzu.

Mit den Krieger- und Schlachtenbildern sowie einer Holzschnittserie über „Die Südreise von 1765“ vertieft das Museum für Ostasiatische Kunst begleitend zur Ausstellung „Schätze der Himmelssöhne“ im Alten Museum den Blick auf einen der mächtigsten Kaiser von China. Das Reich der Qing-Dynastie erfuhr während Qianlongs Regentschaft (1736-95) durch zehn Feldzüge die größte Expansion der Geschichte und war mit 11,5 Millionen um zwei Millionen Quadratkilometer größer als die heutige Volksrepublik. Rund 70 Prozent der Sammlung des Palastmuseums Taipeh gehen auf sein Engagement zurück, der Regent gab bahnbrechende Schriften zu Literatur und Kunst heraus und tat sich selbst als Verfasser von rund 42000 Gedichten hervor.

Originalschriften von kaiserlicher Hand flankieren denn auch drei Fragmente einer Querrolle des Hofmalers Jin Tingbiao sowie eine Kampfdarstellung aus der Werkstatt Giuseppe Castigliones. Der Mailänder Jesuit war von 1715 bis zu seinem Tod 1766 am Pekinger Hof tätig, wo er Schlachtenbilder im Stil der europäischen Historienmalerei fertigte, die Qianlong eigens in Paris in Kupfer stechen ließ. Drei der ursprünglichen Kupferplatten und deren nachträgliche Drucke sowie äußerst kunstvolle Lackschnitzereien variieren die ebenso minutiös gearbeiteten wie drastischen Szenen. So wie Qianlong für künstlerische Innovationen kein Weg zu weit erschien, unternahm er sechs groß angelegte Inspektionsreisen in den Süden des Imperiums. In der Art eines illustrierten Reiseführers dokumentieren 47 Holzschnitte aus dem Museum für Angewandte Kunst Frankfurt „Die Südreise von 1765“. Mit faszinierendem Detailreichtum und topographischer Präzision zeigen die handkolorierten Blätter bedeutende Gartenanlagen, Tempel und Klöster, die die Reisegesellschaft auf den monatelangen Visiten ansteuerte sowie Reisepaläste und kaiserliche Raststätten. Ein Zitat, in dem Qianlong die Feldzüge und Südreisen als seine bedeutenden Taten hervorhebt, bildet gleichsam Klammer und Motto der beiden Ausstellungen. Obzwar das Museum für Ostasiatische Kunst damit einen kunsthistorisch aufschlussreichen Blick vermittelt, wäre eine kritische Distanz zur unumwundenen Kriegsverherrlichung wünschenswert.

Museum für Ostasiatische Kunst, Lansstr. 8, bis 12. Oktober; Dienstag bis Freitag 10-18 Uhr, Sonnabend und Sonntag 11-18 Uhr. Der Katalog kostet 24 Euro.

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