Kriegsreporter in Afghanistan : "Sieg heißt, lebend da rauszukommen"

Eisiger Wind, Tote und eine Kuh: Kriegsreporter Sebastian Junger spricht im Interview über das Leben mit einer US-Einheit in Afghanistan.

Am Ende der Welt. Sebastian Junger im Konregal Tal.
Am Ende der Welt. Sebastian Junger im Konregal Tal.Foto: Tim Hetherington

Zwischen Juni 2007 und Juni 2008 reiste der amerikanische Reporter Sebastian Junger, 48, fünf Mal für mehrere Wochen ins Korengal-Tal im Nordosten Afghanistans. Das Tal wird von den Taliban genutzt, um Waffen und Kämpfer aus Pakistan nach Afghanistan zu schleusen. Junger verbrachte die meiste Zeit mit den 150 Soldaten des 2. Platoons der 173. US Airborne Division im militärischen Vorposten Restrepo. Seine Erlebnisse schildert er in dem Buch „War – Ein Jahr im Krieg“ (deutsch von Teja Schwaner, Blessing Verlag, 335 Seiten, 19,90 €). Außerdem drehte Junger den Dokumentarfilm „Restrepo“, für den er und der Fotojournalist Tim Hetherington beim Sundance Film Festival mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurden. 1997 schrieb Junger den Sachbuchbestseller „Der Sturm“, 2001 erschienen seine spektakulären Kriegsreportagen in dem Buch „Fire“ (2001). Jetzt sitzt Sebastian Junger in der New Yorker Bar The Half King, die er mit zwei Freunden betreibt. Er trägt Cowboystiefel und ein halb offenes Hemd.

Wie war das, als Sie im Juni 2007 in Restrepo eintrafen?

Ich dachte, so sieht’s also aus am Arsch der Welt. Dieser militärische Vorposten lag völlig ungeschützt auf einer Bergspitze über dem Korengal-Tal, das damals der am heftigsten umkämpfte Ort Afghanistans war. Es gab keine Elektrizität, kein fließendes Wasser und keine warmen Mahlzeiten. Restrepo bestand aus einem Munitionslager, einer Schutzmauer und einer Latrine, einem sogenannten „Burn Shitter“. Die Soldaten hausten in Holzhütten, durch die im Winter der eisige Wind pfiff, und die sich bei mehr als 40 Grad im Sommer in wahre Öfen verwandelten.

Warum wollten Sie dort mehrere Monate lang bleiben?

Ich besuche Afghanistan seit 1996 regelmäßig. Als Kriegsreporter ist es meine Aufgabe, über das Kriegsgeschehen und die größeren Zusammenhänge zu informieren und besonders über die Leiden der Zivilbevölkerung. Aber auch die Soldaten leiden. Ich wollte verstehen, was mit ihnen geschieht.

Die meisten der 150 Männer des 2. Platoons waren nicht älter als Mitte 20. Als sie sich zur Armee meldeten, wussten sie, dass sie in den Irak oder nach Afghanistan geschickt würden. Gibt es einen bestimmten Typ, der die Berufswahl Soldat trifft?

Die Männer waren sehr unterschiedlich. Einer war der Sohn von Hippies, ein anderer kam aus einer Familie mit einer militärischen Tradition. Es gab Liberale und Konservative, es waren sämtliche Weltanschauungen und sozialen Schichten vertreten. Hätten sie sich bloß wegen des Geldes zum Militär gemeldet, wäre es einfacher für sie gewesen, in einem Basislager das Öl von Autos zu wechseln. In eine Kampfeinheit und an die Front zu kommen, ist auch in der amerikanischen Armee schwierig. Das muss man wollen. Diese Männer wollten es.

Warum?

Junge Männer lieben das Risiko. Sie wollen den Kitzel der Lebensgefahr spüren. Politik spielt an der Front keine Rolle. Die Männer in Restrepo haben nie über Washington oder die Hintergründe dieses Kriegs gesprochen.

Diesen Kitzel spüren sie auch, wenn sie daheim mit 200 Stundenkilometern über die Autobahn rasen.

Oder sie zetteln Schlägereien in Bars an und bauen einen Haufen Scheiße. Die Todesrate liegt bei jungen männlichen Zivilisten um ein Vielfaches höher als bei der Feuerwehr oder der Polizei.

Wie hätte ein Sieg für die Soldaten in Restrepo ausgesehen?

Sieg bedeutete für sie, nach 15 Monaten lebend nach Hause zurückzukehren. Sie definierten Sieg nicht als nationales Ziel. Sie dachten darüber so wenig nach, wie ein Polizist über den Sieg gegen das Verbrechen nachdenkt.

Die Rückkehr ins Zivilleben gestaltete sich für die meisten Soldaten schwierig. Was vermissen sie?

Die Kameradschaft. Die Bereitschaft, für einen Kumpel zu sterben, und das Wissen, dass dieser Kumpel für einen ebenfalls sein Leben riskieren würde. Dieses extreme Gefühl der Zusammengehörigkeit existiert nicht im zivilen Alltag. Der Albtraum der Soldaten besteht darin, aufgrund eines Versagens für den Tod eines Kameraden verantwortlich zu sein. Die Angst davor, durch das eigene Fehlverhalten die ganze Truppe zu gefährden, ist weit größer als die Angst davor, sich selber in Gefahr zu bringen.

Wie funktioniert Töten?

Für die Soldaten so: Wenn ich dich umbringe, wirst du mich nicht umbringen. Du schießt auf uns, also werde ich dir eine Kugel in den Kopf jagen. Das ziehen des Abzugs ist für einen Soldaten keine komplizierte moralische Entscheidung. Man hat ihm die militärischen Verhaltensregeln eingebläut, die besagen, dass nur auf Bewaffnete geschossen werden darf. Daran hält er sich. Gut und Böse haben damit nichts zu tun.

Warum applaudierte das Platoon dann, als es einen Mann auf der Suche nach seinem abgetrennten Bein auf einem Berghang herumkriechen und sterben sah?

Weil Soldaten diese Person nicht als hilfloses Wesen mit einer Familie und fürchterlichen Schmerzen betrachten, sondern als potentiellen Mörder. Er bedeutete eine Bedrohung, und mit seinem Tod wurde diese Bedrohung eliminiert.

Wie sah ein guter Tag für die Männer in Restrepo aus, wie ein schlechter?

In den Zeiten, in denen viel gekämpft wurde, war ein guter Tag einer, an dem man nicht beschossen wurde. Man konnte sich waschen, etwas essen, schlafen oder Musik hören. Wenn es aber lange still gewesen war, dann war ein guter Tag ein Kampftag. Ein Angriff, bei dem jeder in einer guten Deckung lag, und die Gefahr sich in Grenzen hielt. Ein Tag, an dem man eine Menge Munition verschießen und den Feind in die Flucht schlagen konnte.

Ihren Schilderungen zufolge verlief das „winning of hearts and minds“, die Sympathiekampagne der Amerikaner bei der Bevölkerung des Korengal-Tals nicht sehr erfolgreich.

Es gab diesen Zwischenfall mit der Kuh. Sie hatte sich im Drahtverhau von Restrepo verfangen. Die Soldaten töteten sie und veranstalteten ein Grillfest. Die Korengalis schickten daraufhin eine Delegation, die im Namen des Kuh-Besitzers eine Entschädigung verlangte. Aber statt der geforderten 500 Dollar boten die Amerikaner ihnen nur das Gewicht des Tiers in Reis, Bohnen, Öl und Decken an. Das passte den Korengalis nicht.

Wie war das Verhältnis zwischen den Soldaten und den Einheimischen?

Es war geprägt von Misstrauen. Die Afghanen erwarten von den Amerikanern keine Freundschaft. Sie wollen Sicherheit. Sie mögen die Taliban nicht. Sie haben Angst vor ihnen. Sie mögen auch die Amerikaner nicht, aber sie wissen, dass das Chaos ausbrechen würde, wenn die Amerikaner abzögen. Das Tragische war, dass die Amerikaner mit 150 Mann genügend Truppen im Korengal-Tal hatten, um zu überleben; aber zu wenig, um die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten. Mit einem Bataillon hätten sie die Taliban problemlos vertrieben. Sie hätten Straßen, Schulen und Spitäler bauen können. So aber wurde viel und verlustreich gekämpft, und nichts wurde erreicht.

Die amerikanischen Stellungen im Korengal-Tal wurden wenige Monate nach Ihrem letzten Aufenthalt aufgelöst.

Dieses Tal ist das Afghanistan von Afghanistan: zu abgelegen, um erobert werden zu können; zu arm, um sich einschüchtern zu lassen; zu autonom, um sich kaufen zu lassen.

Ist das Ihre Prognose für das ganze Land?

Ich fliege bald wieder dorthin. Ich bezweifle, dass mich viel Gutes erwartet.

Das Gespräch führte Sacha Verna.

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