Kriegsroman : So herzlich, so grauenhaft

Joachim Geils beeindruckender Kriegsroman „Heimaturlaub“. Der Autor zeichnet einen gläubigen Familienverein, in den er Bilder entsetzlicher Art hinein schneidet.

Jochen Jung

Auf einmal fällt einem der erste Roman eines bislang unbekannten, wenn auch mit vierzig nicht mehr so ganz jungen Autors in die Hand, und man kommt aus dem Staunen nicht heraus. „Heimaturlaub“ heißt dieser Roman, und er stammt von dem 1970 geborenen Joachim Geil, der bislang als Ausstellungskurator und Lektor sein Auskommen hatte.

Erstaunlich ist es zum Beispiel, wenn Joachim Geil einmal auf die Firma Löser & Wolff zu sprechen kommt und gleich darauf eine Heimkehrer-Erzählung von Ernst Jünger vorlesen lässt. Ja, so oder so ließ sich einmal vom Krieg erzählen, oder so wie Böll oder Schmidt, ja selbst Kirst. Wer aber liest denn diese Autoren wirklich noch, vor allem von den Jüngeren? In der Regel lernt man den Zweiten Weltkrieg und den Nationalsozialismus heute nur auf Guido-Knopp-Art kennen. Dieser Krieg ist für jüngere Autoren merkwürdig selten ein Thema, und wenn doch, dann zumeist im Rahmen einer Familiengeschichte.

Das ist zunächst auch in Geils Roman nicht anders: Dieter Thomas ist ein Leutnant auf Heimaturlaub in Bergzabern in der Pfalz. Mutter lebt nicht mehr, dafür aber gibt es eine Menge Tanten, Großeltern und eine quirlige Kinderschar, die sich im Freibad amüsiert. Und es gibt Heidi, die Majorstochter aus der feinen Villa, die Dieters Fantasie beschäftigt. Das ganze Personal ist am Platz, auch Kreisleiter und Bürgermeister fehlen nicht. Joachim Geil lässt es sich nicht nehmen, das alles aufzuführen, den ganzen gläubigen Familienverein inklusive ungläubigem Großvater auf dem Sterbebett, auf dass es auch ein Sippen- und Sittenbild werde.

Aber: In all das hinein schneidet Joachim Geil Bilder entsetzlicher Art. Denn die Fantasie von Dieter Thomas ist mit noch ganz anderem beschäftigt – oder vielmehr nicht beschäftigt, sondern gemartert. Der 22-Jährige ist seit 1941 im Krieg, und jetzt schreiben wir 1944. Er kommt von der Ostfront und hat dort Dinge gesehen und wahrgenommen, die jetzt in seinem Kopf festsitzen und sich dort ungerufen immer wieder selbstständig machen und seine Seele verheeren.

Ja, Heidi, sie wäre schon die Richtige. Aber da war noch eine andere, „da draußen“: Maschenka, das russische Mädchen, das zu lieben Dieter so elementar durchfährt, dass er es nie vergessen könnte, selbst wenn er weitaus länger leben dürfte, als ihm beschieden ist.

Es gibt in diesem Roman ein paar Seiten, nennen wir sie ruhig romantechnisch eine Liebesszene, die allein schon das staunenswerte Können dieses in Köln lebenden Autors belegen: In einer Umgebung von Winter und Schnee, Schießen und Wüten, heller Angst und dunkler Ahnungslosigkeit drängen sich Dieter und Maschenka aneinander und ineinander wie Adam und Eva am Ende der Welt, unschuldig-schuldig. Joachim Geil bringt es fertig, in diesem Augenblick selbst ein Wort wie „gebärfreudig“ so hinzusetzen, dass noch etwas vom Freudigen mitklingt.

Aber, natürlich, es bleibt nicht dabei: Eine andere, grässliche Szene mit einer Vergewaltigung dieses oder eines ähnlichen Mädchens drängt sich davor. Seither sind es nicht nur Erinnerungsbilder, die Dieter Thomas quälen, sondern Bilder einer unbeherrschbaren Mordlust. Er hackt mit der Axt in die Tante, stopft dem Onkel eine Handvoll Blaukorn in den Mund, er drückt die Zigarette im Auge eines Kameraden aus. Und im Handumdrehen sind wir dann wieder in der allerschönsten Familienszene: „so herzlich, so herzhaft, so grauenhaft“.

Joachim Geil weiß die Vokabeln jener Jahre treffsicher einzusetzen, ebenso wie die Ilse-Werner-Blicke oder die Fetzen der Lieder, die man in der Heimat oder an der Front sang. Nie aber ist es nur Kolorit, immer auch Charakteristik. Geil zerlegt bisweilen auch die eigenen Sätze zu Fetzen, vielleicht eine Spur zu oft, aber das verstärkt allemal die innere Unruhe jener Zeit, in der so vieles nicht an die Oberfläche durfte oder konnte.

Wie es sein muss, wird hier nicht nur von dem einen Soldaten Dieter Thomas erzählt, sondern es geht um den Soldaten an sich. In Zeiten, in denen die ersten toten deutschen Afghanistan-Soldaten vergessene oder klischierte Bilder wiederaufleben lassen, möchte man Joachim Geils Roman in viele Hände wünschen. Was Krieg in Einzelnen anrichtet, ist lange nicht mehr so eindringlich geschildert worden. Was für ein Buch!

— Joachim Geil:

Heimaturlaub. Roman. Steidl Verlag,

Göttingen 2010.

290 Seiten, 19,90 €.

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