Kultur : Kriegstagebücher aus Frankreich: Sommerliche Odyssee

Aureliana Sorrento

Als Andrzej Bobkowskis Tagebücher aus Frankreich 1957 im polnischen Exilverlag "Institut Littéraire" erschienen, gingen sie in der Aufbruchsstimmung der Tauwetterperiode sang- und klanglos unter. Das Interesse der Leser richtete sich damals auf die Literatur, die nun in Polen erscheinen durfte. Bobkowski war nur noch in den Kreisen von Exilliteraten ein Name und hatte sich längst in Guatemala niedergelassen, wo er wenige Jahre später, 1961, auch starb. In den Achtzigern kamen die "Federskizzen" - so der Titel von Bobkowskis Diarien - als Samizdat-Ausgabe in Umlauf; erst Anfang der Neunziger konnten sie in Polen offiziell verlegt werden. Die Kritik begrüßte sie als Meisterwerk der modernen polnischen Literatur. Jetzt ist der erste Band der "Federskizzen" unter dem Titel "Wehmut? Wonach zum Teufel? - Tagebücher aus Frankreich 1940-1941" auf Deutsch erschienen.

Andrzej Bobkowski, Spross einer polnischen Intellektuellenfamilie, die ihm die Kenntnis der Weltliteratur und mehrerer Sprachen in die Wiege gelegt hatte, war 1939 von Warschau nach Paris gekommen. Er hätte ein Praktikum absolvieren und dann nach Südamerika übersiedeln sollen, um die Leitung einer polnisch-südamerikanischen Handelskammer zu übernehmen. Mit der Niederlage Polens und dem Untergang des polnischen Staates kam er, 26-jährig, in der französischen Hauptstadt jedoch ohne große Chancen an und musste erst einmal nach Paris, wo er sich irgendwie durchschlagen musste: Zu dem Zeitpunkt, als seine Tagebücher einsetzen, arbeitet er als Büroangestellter einer französischen Rüstungsfabrik.

Am 20. Mai 1940 greift Bobkowski erstmals zur Feder. Die deutsche Wehrmacht hat Arras und Amiens erreicht, in Paris herrscht gespannte Ruhe. Jeder schaut, dass er wegkommt, voll gestopfte Autos verschwinden Richtung Süden. Das geht still und leise vor sich - es darf bloß nicht nach Kapitulation aussehen. Sachlich vermerkt Bobkowski die Hitze in der Stadt sowie die heimliche Massenflucht, den Wechsel an der Regierungsspitze und den Anmarsch des Feindes. Auch in den folgenden Eintragungen zeichnet er die politischen Entwicklungen und die Stimmungsschwankungen in der Bevölkerung genau auf. Er hält die Lügen der Zeitungen fest, aber auch die Worte einer Bäckerin, die das Hasenpanier des französischen Rückzugs beim Namen nennt.

Bobkowskis Tagebücher aus Frankreich sind ein aufschlussreiches Dokument - und ein literarisches Werk, das man gebannt liest. Klarsicht und Esprit halten sich darin die Waage, und der Autor blickt durch die Lupe einer persönlichen Enttäuschung auf die Ereignisse. Wie etliche Generationen polnischer Intellektuellen, hatte Andrzej Bobkowski den Mythos Frankreich mit der Muttermilch aufgesogen. Der schmähliche Rückzug der französischen Armee, der den Deutschen "einen Spaziergang" durchs Land ermöglichte, ließ das lang gehegte, heimelige Gefühl für die grande patrie schwinden. Paris Adieu sagen: Das wird für ihn, der notgedrungen die Stadt verlassen muss, ein Abschied "von meiner ganzen Jugend" und - im Blick voraus - von "der ganzen Epoche".

La France, treulose Liebe



Im Gegensatz zu den Polen hätten die Franzosen die Mittel gehabt, Hitler aufzuhalten. Doch keiner von ihnen hätte wirklich fürs Vaterland kämpfen wollen. So lautet Bobkowskis Vorwurf an seine Wahlheimat. Aber in seinen Analysen der Gründe, die zum Debakel geführt haben, mischt sich Bitterkeit mit der Sehnsucht eines Verliebten, der seine treulose Liebe nicht vergessen kann. Er ruft sich sein Bild von Frankreich immer wieder ins Gedächtnis, doch schließlich muss er sich eingestehen, dass gerade die Eigenschaften, die das Land in seinen Augen liebenswert machten, es auch zu Fall gebracht haben. Eine schmerzliche Einsicht. Dann kommt la France aufs neue herangeschlichen, bezaubernder denn je.

Auf frisch gekauftem Rad und in Begleitung Tadzios, eines Taxifahrers aus Warschau, nimmt Bobkowski Reißaus vor den anrückenden Deutschen. Das ungleiche Paar reist zunächst Richtung Süden. In Nizza treten sie nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes die Rückreise an. Bei allem Gehetze ist die Fahrt eine Odyssee, die den Protagonisten mehr vergnügliche denn beängstigende Erlebnisse beschert. Je weiter sie nach Süden kommen, desto ferner scheint ihnen der Krieg, desto leichter können sie die erzwungene Spritztour mit einer Fahrradwanderung verwechseln. Bobkowskis Traumbild von Frankreich - da funkelt es wieder in den Farben des Sommers, in der betäubenden Pracht der Weinberge, in der leisen Anmut der Dörfer und im Blassgrün des Meeres. Dankbar gibt sich der junge Autor den Wonnen hin, die die Natur für ihn bereithält, kehrt die Ungewissheit über die Zukunft in die Fähigkeit um, den Augenblick mit all seinen flüchtigen Freuden restlos zu genießen. So verwandelt sich das Kriegstagebuch beim Traubenessen auf einer Wiese, während die Sonne durch die Bäume blinzelt, zur Feier der Lebenslust.

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