Kultur : Kriegstheater

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peter von becker über das neue alte Wien, Berlin und Washington

Hier kam der Berg zum Propheten. Am Donnerstagabend erhielt der Schriftsteller und Theatermacher George Tabori den „Bruno KreiskyPreis“. Die Auszeichnung erinnert an den früheren, 1990 verstorbenen österreichischen Bundeskanzler, und zuvor haben ihn Geister wie Eric Hobsbawn, Marion Gräfin Dönhoff, Jeremy Rifkin oder Ruth Klüger erhalten. Natürlich in Wien, denn es ist Österreichs bedeutendster Preis für politische und zeitgeschichtliche Publizistik. Doch jetzt war Wien nach Berlin ins Willy- Brandt-Haus gereist, um dem 89-jährigen ungarischen Juden und englischen Staatsbürger Tabori, der 2000 mit Ex-Burgtheaterdirektor Claus Peymann von der Donau an die Spree gekommen war, eine weitere (kleine) Reise auf seiner großen Lebensreise zu ersparen. Und plötzlich lebte zwischen den beiden deutschsprachigen Kultur- und Politikmetropolen auch manch selige Verbundenheit auf: Bundestagspräsident Wolfgang Thierse grüßte in der SPD-Zentrale vom Bundeskanzler, der brieflich an die Freundschaft zwischen Willy und Bruno erinnerte und Kreisky und Tabori, als Juden und einstige Emigranten, zu Mittelpunkts-Außenseitern erklärte. Ähnlich argumentierte auch Österreichs Altbundeskanzler Franz Vranitzky, der ausdrücklich „nicht zum Irak-Krieg“ sprechen wollte. Und doch war dieses Thema immer gegenwärtig, klang das Bekenntnis zum neuen „alten“ Europa in allen Ansprachen an.

Moral und Recht in der Politik lagen den Preisrednern schon deswegen am Herzen, weil sie sich mit Taboris in Essays und Interviews immer wieder geäußerter ironischen Skepsis gegenüber der Glaubwürdigkeit von Politikern auseinanderzusetzen hatten. Und so wurde auch aus Taboris Tragikomödie „Mein Kampf“ der Rat zitiert, den der Jude Schlomo im Wiener Männerasyl dem jungen Möchtegernkünstler Adolf Hitler gibt: Als Schauspieler bist du zu schlecht. Ich rate dir, in die Politik zu gehen. Da lachte das mit Künstlern und Politikern prominent besetzte Auditorium. Nur lachte niemand ein paar Stunden später im Weißen Haus überm Großen Teich, als dort der Hausherr wieder allen Ernstes verkündete: „Der Irak ist eine Bedrohung für das amerikanische Volk.“ Aber das ist eine andere Form von Theater. Wobei „bad theatre“ für US-Militärs auch die Bedeutung „schlechter Kriegsschauplatz“ und falscher Kampfplatz hat.

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