Kultur : Kriegswunden mit Kunst heilen Bosiljka Schedlichs Stiftung für Flüchtlinge

Caroline Fetscher

„Unterdes dürfen wir uns sagen: Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg.“ Dezidiert endete so Sigmund Freuds 1932 entstandener Briefwechsel mit Albert Einstein zum Thema „Warum Krieg?“. Freuds damaliges Credo wurde für Bosiljka Schedlich zum Motto ihrer Arbeit. Auch am kommenden Dienstag, am Abend des geschichtsträchtigen 8. Mai, wenn sie in der Berliner Heilig-Kreuz-Kirche gemeinsam mit Bischof Wolfgang Huber die von ihr ins Leben gerufene Stiftung „Überbrücken“ vorstellt, die sich künstlerisch und therapeutisch der Interaktion von Kriegstraumata und Kultur widmen will, wird dieser Satz des Philosophen und Arztes ihr im Sinn sein, sagt Schedlich.

Die Gründer der Stiftung „Überbrücken“ hegen große Pläne. Fußend auf fünfzehn Jahren konkreter Erfahrung in der Arbeit mit kriegstraumatisierten Menschen aus Ex-Jugoslawien, soll ein einmaliges Kulturzentrum für hier lebende Migranten aus Krisenregionen aller Kontinente entstehen. „Kurden, Tschetschenen, Iraker, Iraner und viele andere“, zählt Schedlich auf: „Unter uns leben Abertausende, von deren horrenden Erlebnissen wir kaum eine Vorstellung haben. Sie sitzen neben uns im Bus, und wir ahnen nicht, dass ihre Verwandten in Massengräbern liegen, dass sie Alpträume haben. Außerdem wissen wir nicht zu schätzen, was gerade diese Leute uns geben könnten.“ Solche Zeitgenossen, das beweist Schedlichs Arbeit im Verein „Südost Europa Kultur“, den sie 1992 ins Leben rief, „haben uns das Wichtigste zu sagen – wer die Hölle durchlebt hat, kann uns lehren, rechtzeitig Symptome und Signale zu erkennen, wann eine Gesellschaft zu kippen droht.“ Mithin will „Überbrücken“ keine Stiftung der Almosen und des Mitleids sein, sondern wirkmächtige gesellschaftliche Verbindungen produzieren. Auf das Engagement von Choreografen und Künstlern, Therapeuten und Musikern, Regisseuren und Autoren hofft die Stiftung. Neben langfristig angelegten Therapieangeboten sollen Saison für Saison eigene Produktionen entstehen, an denen Migranten aktiv teilhaben. Jetzt sucht die Stiftung in Berlin nach einem geeigneten Bau. Unter dessen Dach müssen Ateliers, Studios, Gruppenräume und Büros Platz haben, am besten auch, so Schedlich, ein Garten. Auch Deutsche will die Stiftung zur Mitarbeit einladen, „Leute, die bis heute mit den Traumata aus dem Nationalsozialismus konfrontiert sind.“

Künstlerische Expression und therapeutische Begegnung sollen bei der Arbeit Hand in Hand gehen. Kultur und Therapie, so Schedlichs Überzeugung, „stellen das Gegenteil des Toxischen und Entmenschlichenden dar, das die Überlebenden belastet“. Zu den aktiven Unterstützern der Stiftung zählen neben Bischof Huber der Klezmer-Klarinettist Giora Feidman, der balkanerfahrene Politiker Hans Koschnick, der Pfarrer Friedrich Schorlemmer, die Journalistin Ute Scheub sowie der aus Kambodscha stammende Cellist Sonny Thet.

Bosiljka Schedlichs eigene Wegstrecke ist lang, und sie ist außergewöhnlich. Geboren 1948 in Jugoslawien als Tochter eines Tito-Partisanen, groß geworden in einem dalmatinischen Bergdorf und einem Industrieort an der Adria, kam sie 1968 nach West-Berlin, arbeitete dort in der Fabrik, studierte Germanistik und organisierte Beratungen für Frauen aus ihrem Herkunftsland. Später, als Jugoslawien zerbrach und mehr als 30 000 Flüchtlinge in Berlin landeten, setzte Schedlich ihre Energie für die Neuankömmlinge ein. So entstand der Verein „Südost Europa Kultur“, der für seinen Einsatz den Moses-Mendelssohn-Preis des Landes Berlin bekam. Eines der Vorbilder von Bosiljka Schedlich ist Daniel Barenboim. Wie er mit seinem West-Östlichen Diwan Orchester junge Musiker aus Israel und den Palästinensergebieten, aus Ägypten, Syrien und anderen Ländern zusammenbringt, das, so Schedlich, sei eine in die Wirklichkeit übersetzte Vision. Mit „Überbrücken“ will sie „ein Haus wie ein Orchester“ aufbauen.

www.stiftung-ueberbruecken.de

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