Krimiautor William McIlvanney gestorben : Die Bösen retten

William McIlvanney gilt als Gründervater des Tartan Noir, der schottischen Spielart des Hardboiled-Kriminalromans. Jetzt ist er mit 79 Jahren in Glasgow gestorben.

Christian Schröder
William McIlvanney Foto: Kunstmann Verlag
William McIlvanneyFoto: Kunstmann Verlag

Der Roman "Laidlaw", den William McIlvanney 1977 veröffentlichte, gehört zu den Klassikern der britischen Noir-Literatur. Es geht um einen jungen Mann, Tommy, der ein junges Mädchen ermordet hat, weil er vergeblich versucht hatte, an ihr zu beweisen, dass er nicht homosexuell sei. Der Mörder ist auf der Flucht, er wird von mehreren Gruppen gejagt, unter ihnen auch der Vater des Opfers, ein rachelüsterner Proletarier. Tommy ist, so lange er es nicht herausschafft aus Glasgow, ein lebender Toter. Seine einzige Chance ist einer der Verfolger, Detective Inspector Laidlaw von der Glasgower Polizei. Er muss den Jungen vor den anderen Jägern finden, ihn der irdischen Gerichtsbarkeit ausliefern und vor der Lynchjustiz retten. "Der Roman zieht einen Großteil seiner Spannung aus den philosophischen und moralischen Fragen, die im Zusammenhang mit der Mörderjagd entstehen. Damit macht er sich grundsätzliche Gedanken über unseren zivilisatorischen Stand und dessen schleichende Degeneration", schreibt der deutsche Krimi-Papst Martin Compart. "Laidlaw" ist ein ungemein spannender Thriller mit niederschmetternd nihilistischer Botschaft, der die Stadt Glasgow so genau beschreibt, dass ein Fremder nach der Lektüre keinen Stadtplan mehr benötigt.

Untreuer Verfechter der Treue

Laidlaw wird von seinem Schöpfer als "gewalttätiger Mensch, der Gewalt verabscheute", beschrieben. "Ein untreuer Verfechter der Treue, ein umtriebiger Mann, der sich danach sehnte, verstanden zu werden". Die "Welt" nannte ihn in einer euphorischen Besprechung "einen, der sich nicht raushalten kann, der sein Ich nicht raushalten kann aus der mörderischen Gegenwart." William McIlvanney brachte noch zwei weitere Laidlaw-Romane heraus, 1983 "The Papers of Tony Veitch" (erst 2015 unter dem Titel "Die Suche nach Tony Veitch" in Deutschland erschienen) und 1991 "Strange Loyalities" (deutsch: "Fremde Freunde", ebenfalls 2015). Wie schwierig es war, den Autor und seine Trilogie im deutschen Sprachraum zu etablieren, zeigt schon die Tatsache, dass der erste Band im Laufe eines Vierteljahrhunderts gleich von drei Verlagen publiziert wurde, von Rowohlt, Dumont und Kunstmann, wo zuletzt die ganze Serie eine Heimat fand. In Großbritannien wurde McIlvanney für "Laidlaw" mit dem CWA Silver Dagger Award ausgezeichnet, der seit 1955 die besten Kriminalromane prämiert, benannt nach einer Mordwaffe, dem Dagger, Dolch. McIlvanney gilt als Gründervater des Tartan Noir, einer spezifisch schottischen Spielart des Hardboiled-Kriminalromans. Autoren wie Tony Black, Val McDermid oder Ian Rankin folgten dieser Tradition. Dass William McIlvanney den Ruhm und den Reichtum seiner Schüler nicht erreicht hat, liegt daran, dass er seine Krimis zu langsam schrieb. Und daran, dass er sich für zu viel anderes interessierte.

Mehr als ein Spiel

Am 25. November 1936 in Kilmarnock geboren, studierte McIlvanney an der Universität Glasgow und arbeitete 17 Jahre als Lehrer, bevor er sich 1975 entschloss, nur noch zu schreiben. Er lieferte Essays für Zeitungen, schrieb Gedichte, die in Bänden wie "The Longships in Harbour" und "Surviving the Shipwreck" herauskamen. Zu seinen Vorbildern gehörte T.S. Eliot, dem er einen Essay widmete. Außerdem schrieb er für die BBC die Dokumentation "Only a Game?", deren Text er auch selber einlas. Im April war er noch für eine kleine Lesereise in Deutschland, nun ist - wie der Kunstmann-Verlag bekanntgab - McIlvanney nach kurzer, schwerer Krankheit in seinem Haus in Glasgow gestorben. Der Mann, der "Schottland auf die Krimiweltkarte hievte“ (FAZ) wurde 79 Jahre alt.

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