Kriminalbiologe Mark Benecke : "Ich würde einen Profikiller suchen“

Mark Benecke weiß genau, wie der perfekte Mord organisiert werden muss. Und er verrät, warum er Maden toll findet und vor Spinnen Angst hat.

Interview: Philipp Lichterbeck,Jens Mühling

Mark Benecke, 37, gehört zu den bekanntesten Kriminalbiologen weltweit. Er hatte Gastauftritte in der US-Fernsehserie „Medical Detectives“, tourt mit Diashows, in denen er Leichen zeigt, durch Deutschland. Außerdem schreibt er Bücher, zuletzt erschien „Mordspuren“ (Lübbe 2007).


Herr Benecke, Ihr Wohnzimmer sieht aus, als würden Sie gerne Arbeit mit nach Hause nehmen – im Regal steht ein Totenschädel, in der Schublade liegt ein Skelett.

Keine Sorge, der Totenschädel und das Skelett sind aus Kunststoff. Aber genauso gut hätten Sie mich auf mein Cordsofa ansprechen können. Für mich haben diese Dinge nichts Außergewöhnliches. Ihnen fallen sie auf, weil die Menschen normalerweise den Tod ausblenden. Ich nicht.

In Polizeikreisen nennt man Sie „Inspektor Tod“. Auch Ihre anderen Spitznamen sind nicht sehr schmeichelhaft: Kommissar Schmeißfliege, Professor Würmi, Herr der Maden …

Kriminalbiologen gelten immer als Nerds, als totale Sonderlinge. Es ist ein Scheißjob, mies bezahlt, keiner will ihn machen, für die Ermittler bist du ein Freak. Ein normaler Polizist ist für das Gute und gegen das Böse, er will eine Sozialversicherung, ein Häuschen und zwei Kinder. Der begreift nur schwer, warum sich jemand wissenschaftlich mit Leichen beschäftigt.

Sind Sie denn nicht für das Gute? Immerhin helfen Sie der Polizei, Mordfälle aufzuklären.

Mich interessiert das Gute nicht. Mir ist egal, wem meine Arbeit nützt. Ich arbeite nicht für den Richter und nicht für den Staatsanwalt, auch nicht für die Gerechtigkeit, die gibt es nämlich nicht, sondern einzig für die Wahrheit. Wie in „Tanz der Vampire“: Da gibt es diesen verrückten Wissenschaftler, der sagt: Mich interessiert nur das Objektive. Er ist eine Witzfigur, aber das macht den Wissenschaftler aus. Seine Drähte und Klemmen sind ihm wichtiger als Liebe, Hass und Sünde.

Drähte und Klemmen, na gut – aber Ihr Spezialgebiet sind Insekten, die Leichen anfressen. Für die meisten eine ziemlich abwegige Leidenschaft.

Aber eine sehr nützliche. Hier, ich zeige Ihnen mal ein Foto: Das ist eine Leiche, die ein Pilzsucher im Wald gefunden hat – das kommt oft vor im Herbst. Fällt Ihnen etwas auf?

Allerdings. Die hat keinen Kopf. Und keine Beine.

Genau. Eine clevere Zerstückelung, so lässt sich die Leiche prima transportieren. Der Täter hätte es sich aber auch leichter machen können: Jeder weiß doch, dass man die Beine am besten an den Gelenken abtrennt. Hier am Oberschenkel kommt man mit einer normalen Säge gar nicht durch, das schaffen Sie nur mit einer Kettensäge. Überhaupt nicht clever wäre es gewesen, durch den Bauch zu sägen, wie das in Horrorfilmen immer gemacht wird – da fallen doch sofort die Eingeweide raus …

Herr Benecke! Wir wollten über Insekten reden.

Richtig. Nehmen wir mal an, der Zerstückler wird entdeckt und behauptet, er habe die Person tot aufgefunden und nur die Leiche beseitigt. Das wäre dann keine Körperverletzung, weil Leichen juristisch keine Menschen sind; es wäre aber auch keine Sachbeschädigung, denn Leichen sind keine Sachen. Leichenzerstückelung ist bestenfalls ein Verstoß gegen das Bestattungsgesetz. Aber sehen Sie mal genauer hin – was fällt Ihnen noch auf?

Mit den Handgelenken stimmt etwas nicht.

Genau. Die sind von Maden freigefressen worden. Die Handgelenke sind aber eigentlich der letzte Ort, an dem sich Maden vergreifen. Die suchen sich lieber weiche Stellen ohne Knochen. An den Gelenken müssen also Wunden gewesen sein – und das ist meist der Fall, wenn jemand entweder einen Angriff abgewehrt hat oder gefesselt war. Damit wissen wir schon mal etwas, was der Polizei hilft: Hier lag offensichtlich eine Gewalteinwirkung gegen die noch lebende Person vor.

Hat man den Zerstückler denn gefunden?

Keine Ahnung. Da müssen Sie die Polizei fragen.

Wollen Sie nicht wissen, wie die Geschichte endet?

Als Sachverständiger interessiere ich mich null für die sozialen Umstände. Ich mache mein Gutachten und basta. Je mehr man von einem Fall weiß, desto eher lässt man sich beeinflussen. Die wichtigste Regel: keine Annahmen machen. Und niemandem glauben, vor allem nicht sich selbst.

Der Fall, der Sie 1998 berühmt machte, war die Ermordung der Religionslehrerin Veronika GeyerIwand durch ihren Mann, den Pastor Klaus Geyer. Damals reichten zwei Ameisen und ein paar Maden, um Geyers Schuld zu beweisen.

Es langweilt mich, über diese alte Geschichte zu sprechen – aber es stimmt, Insekten können einem viel über eine Leiche verraten. An der Art und am Alter der Insekten kann ich ablesen, ob eine Leiche die ganze Zeit an derselben Stelle lag oder vorher in der Tiefkühltruhe, im Bett oder in der Mülltonne, ob sie von draußen nach drinnen transportiert wurde oder umgekehrt. Man kann in den Insekten sogar Gifte nachweisen, die nicht mehr in der Leiche sind, etwa Schlafmittel.

Sie ermitteln also in erster Linie für die Gerichte?

Ich bin per Eid zur Unabhängigkeit verpflichtet, daher arbeite ich für jeden, der fragt. Zum Beispiel für Gefängnisinsassen: Manche engagieren mich, um unberücksichtigte Spuren untersuchen zu lassen, andere, weil sie ihre Taten nicht glauben können und sie von mir bestätigt haben wollen. Manche Anfragen sind kurios. Neulich rief ein Ermittler an und sagte: Hier sitzen die Großeltern eines ermordeten Kindes, die wollen, dass das Kind nicht an einem Sonntag gestorben ist. Können Sie das entsprechend datieren?

Haben Sie den Leuten geholfen?

Natürlich nicht. Ich sage doch, mich geht das Soziale nichts an. Das unterscheidet mich von den Polizisten, die ständig mit den weinenden Menschen zu tun haben. Seltsam ist, dass manchmal junge Polizisten mit Kaschmirpullover und italienischen Schühchen zum Tatort kommen und sich nicht an die Toten rantrauen. Von denen hört man dann auch, dass Leichen giftig seien.

Leichen sind nicht giftig?

Wenn Leichen giftig wären, dürften Sie keine Buletten essen, das sind gehackte Leichen mit Zwiebeln. Dieser Irrglaube hat sich wohl im Laufe der Evolution so ausgeprägt, weil der Tod gruselig ist.

Gruseln Sie sich vor gar nichts?

Ich habe Angst vor Spinnen. Und ich esse kein Fleisch mehr.

Weil es Sie an Leichen erinnert?

Vor einigen Jahren musste ich mal Blutspuren neben einer Toten untersuchen, die sehr gewaltsam umgebracht worden war. Die noch sehr frische Leiche sah aus wie Tierfleisch und roch auch so. Ich finde den Geruch nicht an sich eklig, aber mein Gehirn verbindet die Situationen miteinander.

Mit Bildern von verrotteten Leichen füllen Sie bei Ihren Diashows riesige Säle. Warum tun die Menschen sich das an?

Früher haben die Menschen dauernd Leichen gesehen, im Krieg oder wenn die Oma aufgebahrt wurde. Diese unmittelbare Begegnung mit dem Tod gibt es heute nicht mehr. Das holen sich die Leute bei meinen Vorträgen.

Aber Ihre Leichen sind Mordopfer.

Die Menschen wollen wissen, was am Rande der Gesellschaft los ist. Und sie wünschen sich, dass jemand ihnen diesen Rand erklärt. Sie möchten sich dem Bösen aussetzen, aber danach soll einer das Tor zur Hölle wieder zumachen. Das bin ich.

Sie haben sich systematisch mit Serienmördern auseinandergesetzt – was ist an denen so faszinierend?

Man kann viel aus ihrem Verhalten lernen. 1999, als ich gerade in Kolumbien war, wurde dort Luis Garavito gefasst, genannt „la bestia“. Er hat mehr als 300 Jungs vergewaltigt und ermordet, alle zwischen sechs und zwölf Jahren. Niemand wollte mit ihm arbeiten, obwohl es einer der monströsesten Fälle der Kriminalgeschichte ist.

Was meinen Sie mit arbeiten?

Den Fall dokumentieren, damit man ihn vergleichen kann – kriminalistische Wissenschaft eben. Für die Kollegen in Kolumbien war und ist Garavito kein Mensch. Er ist unfähig, Empathie zu empfinden – nicht einmal sich selbst gegenüber, sonst hätte er sich längst umgebracht. Der Fall löste in Kolumbien eine Debatte über die Wiedereinführung der Todesstrafe aus. Aber die Hinrichtung eines Verbrechers ist nur der hilflose Versuch, das Hintergrundrauschen unserer Existenz ein bisschen leiser zu stellen. Sie ändert aber nichts am menschlichen Leid: Neid, Gier, Zorn, Eitelkeit und Angst. Mord und Totschlag wird es immer geben.

Eine sehr pessimistische Sicht.

Nein, eine optimistische. Ich akzeptiere die ganze Palette der menschlichen Todsünden, wie die Bibel es nennt. Sie gehören zu uns.

Trotzdem, Sie starren täglich in menschliche Abgründe – wird man da nicht wahnsinnig?

Wenn der Abgrund zurückstarrt, hat man verloren. Manche Tatorte laden dazu ein. Einmal hat man mich zur Leiche einer älteren Dame hier in Köln geholt. Sie hatte im Laufe der Jahre einen Berg aus Kippen, Pizzakartons und Zigarettenasche neben dem Sofa angehäuft, anderthalb Meter hoch. Es war ein Monument der Einsamkeit: Die Frau wollte zeigen, wie verzweifelt sie war.

Können Sie sich erinnern, wann Ihre Faszination für Leichen begann?

Faszinierend sind nicht die Leichen, sondern die Spuren. Ein Schlüsselerlebnis war der Film „Blade Runner“: Darin kommen Nexus-6-Androiden aus menschlichem Gewebe vor, die von Menschen nicht zu unterscheiden sind. Dann wurde der genetische Fingerabdruck entwickelt, damit war „Blade Runner“ überholt. Ich war damals 22 und wusste, dass ich Kriminalbiologe werden wollte.

Heute sind Forensiker die Stars von Fernsehserien.

Ich sehe nie fern, aber alles, was ich von diesen Serien mitbekomme, ist Vollquatsch: Die Todesermittler sind nebenbei noch Fahnder, Spurensucher und Rechtsmediziner. Das sind vier grundverschiedene Jobs. Mich erreichen auch oft Anfragen von Drehbuchautoren: Wir bräuchten ein Gift, das nach 17 Stunden wirkt, vorher muss das Opfer ein rotes Ohr haben, hinken und kurz vorm Sterben dreimal röcheln – was nehmen wir da?

Haben Sie sich schon mal in einem Film richtig dargestellt gesehen?

In „Das Schweigen der Lämmer“ gibt es eine Szene: Da sitzen zwei forensische Zoologen mit Karohemden und dicken Brillen am Tisch und spielen Schach mit Kakerlaken. Das passt.

Hört sich einsam an.

Deshalb sage ich meinen Studenten: Wenn ihr den Beruf cool findet, weil ihr Böse jagen wollt oder für die Gerechtigkeit seid – dann werdet Sozialarbeiter, Polizisten, Richter oder Journalisten. Sonst seid ihr voll im falschen Film.

Sie sehen aber nicht nach Karohemd und dicker Brille aus. Auf Ihrem Unterarm ist ein tätowiertes Herz mit der Aufschrift „Glaube, Liebe, Hoffnung“.

Das ist eine Seefahrertätowierung. Ich bin 300 Tage im Jahr unterwegs. Überall, wo ich hinkomme, lasse ich mir Tätowierungen machen. Hier, in Berlin habe ich mir diese Kompassrose auf die Hand stechen lassen; außerdem einen Oktopus auf die Hüfte und eine Piratenbraut mit großen Brüsten auf den Oberschenkel.

Ist es in Ihrem Job schwierig, Frauen zu treffen?

Das nicht: Die Mehrheit meiner Praktikanten und Studenten ist weiblich. Frauen ekeln sich weniger vor Körperflüssigkeiten. Je männlicher einer tut, desto mehr Angst hat er vor Körperlichkeit. Abgesehen davon bin ich verheiratet. Meine Frau interessiert sich nicht für meine Arbeit. Wenn ich nach Leichen rieche, sagt sie nur: Geh duschen.

Sprechen Sie mit Ihren Studentinnen auch über den Mythos des perfekten Mordes?

Komisch, danach werde ich oft gefragt. Jeder Mord, der nicht entdeckt wird, ist perfekt.

Und wie würden Sie das anstellen?

Ich würde mir einen Profikiller suchen. Wenn Sie Ihr Bad kacheln wollen, dann lassen Sie das doch auch von einem Fachmann erledigen. Oder ich würde die Person sozial kaltstellen, wie es Frauen meist tun. Mann und Frau sind soziale Konstrukte, klar. Aber typisch männlich ist, durch Gewalt zu töten, und typisch weiblich ist der soziale Mord durch Mobbing.

Gibt es berühmte Leichen, die Sie gerne untersucht hätten? Zum Beispiel die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, über deren Tod in den Zellen von Stammheim auch 30 Jahre nach dem Deutschen Herbst noch ...

Langweilig.

Langweilig?

Selbstmord. Kriminalbiologisch uninteressant.

Na gut. John F. Kennedy?

Gelöst. Ich hab’s mir in Dallas angesehen. An der Stelle, wo Kennedy erschossen wurde, hat die Straße eine leichte Neigung, das erklärt, warum das Projektil scheinbar die Flugrichtung änderte.

Uwe Barschel, der CDU-Politiker, den im Oktober 1987 zwei „Stern“-Reporter tot in der Badewanne eines Genfer Hotelzimmers fanden?

Der Barschel-Fall ist schön! Die Ehefrau behauptet bis heute, Barschel sei ermordet worden. Das heißt nichts, aber Fakt ist, dass der Tatort von Journalisten und Ermittlern manipuliert wurde. Bis heute werden Spuren unterschlagen.

Sie meinen die Weinflasche, die Barschel beim Zimmerservice bestellte, und die dann verschwand?

Sie kann doch nur beim „Stern“ sein, oder? Eventuell wird da eiskalt eine Spur zurückgehalten. Ich würde liebend gerne die Zeit zurückdrehen und als Erster dieses Hotelzimmer betreten.

In Moskau haben Sie vor fünf Jahren Schädel- und Kieferfragmente untersucht, die angeblich von Adolf Hitler stammen.

Die Kieferfragmente lassen sich zweifelsfrei identifizieren: Ich habe Röntgenaufnahmen von 1944 und eine Zeichnung seines Zahnarztes Hugo Blaschke. Außerdem hat der Odontologe Michel Perrier detaillierte Analysen von Hitlers Gebiss anhand von Filmaufnahmen erarbeitet. Alle Beschreibungen stimmen mit den Fragmenten überein, die ich in Moskau untersucht habe. Falls Hitler noch irgendwo rumlaufen sollte, dann ohne Kiefer.

Spürt man den Hauch der Geschichte, wenn man an Hitlers Gebiss herumfummelt?

Nein. Zu anderen Zeiten hätte man diesen Schreihals doch gleich ins Irrenhaus gesteckt. Aber es ist schon lustig, dass der Schädel des großen Diktators heute in Einzelteilen über verschiedene Moskauer Archive verstreut ist, verpackt in Disketten- und Zigarilloschachteln.

Wenn Sie es sich aussuchen könnten: Wie würden Sie selbst gerne sterben?

Das spielt für mich keine Rolle. Der Tod an sich ist langweilig.

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