Kultur : Kriminalitätsstatistik: Rechte Flanke

Robert Birnbaum

Was stört ihn sein Gerede von gestern? Er werde "definitiv" mit der Bundestagswahl 2002 aus der Bundespolitik ausscheiden, hatte Otto Schily vor einem Jahr versichert. Seit ein paar Tagen steht fest: Er wird definitiv nicht. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat seinen Innenminister gebeten, über den Wahltag hinaus im Amt zu bleiben.

Größerer Überredungskünste hat das nicht bedurft, wenngleich Schily selbst von Pflichtgefühl und Loyalität spricht. Dem 68-jährigen Oldie des Kabinetts macht der Job Spaß, sagen Leute, die ihn kennen. Wozu das schmeichelhafte Wissen beiträgt, dass er kaum zu ersetzen ist: Schily deckt perfekt die Flanke ab, an der eine rot-grüne Regierung im Streit mit der bürgerlichen Opposition eigentlich am verwundbarsten sein müsste - Innere Sicherheit, Ausländer, Asyl.

Dass das so gut funktioniert, hängt natürlich auch mit dem kläglichen Untergang seines Vorgängers zusammen. Seit Manfred Kanther spurlos im hessischen CDU-Spendensumpf versunken ist, fehlt der Union der Vorzeige-Konservative.

Aber mit dem Abdecken von Flanken kennt sich Schily ohnedies aus. Schon in dem knappen Jahrzehnt seiner politischen Biografie, das er bei den Grünen verbracht hat, fiel der Jurist durch unangepasstes Äußeres auf. Schlips und Anzug wiesen Schily als Bürger unter den Strickpullover-Alternativen aus.

In diesem Teil seiner Vergangenheit könnte ein weiteres Motiv dafür liegen, weshalb Schily Gefallen an einer zweiten Amtszeit gefunden hat. Er hat nämlich Recht behalten. 1989 ist der scharfzüngige Jurist bei den Grünen aus- und der SPD beigetreten - nicht nur, aber auch, weil er sich nicht mit der Forderung durchsetzen konnte, aus der Bewegung müsse eine Partei werden, die nach einem Bündnis mit der SPD strebt.

Jetzt ist es soweit. Und wieder ist Schily für viele Grüne der Buhmann, der vom RAF-Verteidiger zum Hardliner mutiert sei. Typisch, dass sie ihm gerade wieder unterstellen, er lauere nur darauf, in Kürze mit einem eher restriktiven Entwurf für ein Zuwanderungsgesetz vorzupreschen. Nur halb im Scherz vermutet ein GrünenAbgeordneter: "Der bleibt aus Trotz, um uns zu ärgern." Aber Schily bleibt auch so. Wenngleich nicht ganz umsonst: Einen guten Wahl-Listenplatz bei der Bayern-SPD hat er sich ausbedungen, damit er nicht wieder wie 1998 als 29. gerade noch in den Bundestag rutscht. Und in seinem Hause geht das Gerücht um, auch von Schröder habe er etwas erbeten: Dass die SPD für die Parlamentarische Staatssekretärin Cornelie Sonntag-Wolgast andere Verwendung finden möge.

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