Kultur : Kriminalitätsstatistik: Zahltag für Verbrecher

Markus Feldenkirchen

Die Kriminalität geht zurück, die Aufklärungsquote steigt. Das geht aus der Polizeilichen Kriminalstatistik für 2000 hervor, die Innenminister Otto Schily (SPD) am Dienstag vorstellte.

Wie sicher leben wir in Deutschland?

Im internationalen Vergleich sei Deutschland eines der sichersten Länder der Welt, sagt Innenminister Schily. Die Zahl der Straftaten schrumpft laut Kriminalstatistik schon das zweite Jahr in Folge. Schily freut sich über den niedrigsten Kriminalitätsstand seit 1993. Auch im Vergleich zwischen 1999 und 2000 war die Zahl der Delikte um 0,6 Prozent rückläufig. Ob man bei insgesamt 6 264 723 Straftaten jedoch von einem Aufbruch ins sichere Zeitalter sprechen kann, ist fraglich. Immerhin gehen die Beamten bei der Verfolgung von Delikten offenbar geschickter vor als in der Vergangenheit. Die Aufklärungsquote sei die beste seit 1966, betont Schily. Allein seit 1993 ist sie um 20 Prozent gestiegen. Im Jahr 2000 wurden 53,2 Prozent aller Täter gefasst.

Wie hoch ist die Dunkelziffer?

Leider gehört es zum Wesen von Dunkelziffern, dass man nichts Genaues über sie sagen kann. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) glaubt trotzdem Bescheid zu wissen. In Schilys Statistik seien nur die Straftaten verzeichnet, die der Polizei bekannt sind, sagt der GdP-Vorsitzende Konrad Freiberg. Er gehe davon aus, dass die Zahl der Straftaten in Wahrheit zehn Mal höher sei. Kriminologen sehen das anders (siehe Interview). Freiberg fordert eine Intensivierung der "Dunkelfeldforschung". Das wiederum sehen Kriminologen genauso. Schily will die Kriminalitätsstatistik hingegen weiter bei Tageslicht verfassen und nennt Spekulationen über zehn Mal höhere Verbrechensquoten "unsinnig" und "unseriös".

Welche Straftaten liegen im Trend, welche sind out?

Sorgen bereiten Schily die Zuwächse beim Kreditkartenbetrug und der Rauschgiftkriminalität. Die ist im Vergleich zum Vorjahr um fast acht Prozent gestiegen. So ist die Zahl der Erstkonsumenten harter Drogen stark gestiegen. Ebenso die Zahl der Drogentoten, die um 11,6 Prozent auf 2030 kletterte.

Zur Vorsicht mahnt der Minister vor allem beim Zahlen mit Karte. Kartenbetrüger machten sich die Schwachstellen neuer Techniken bewusst zunutze. Tatsächlich hat sich der Betrug bei Abrechnungen per Kredit- oder EC-Karte innerhalb nur eines Jahres mehr als verdoppelt.

Eine "beachtliche Zunahme" wurde auch beim Betrug mit Karten an Geldausgabe- und Kassenautomaten registriert. Von den Banken verlangt Schily nun, stärker die Chiptechnologie an Stelle der "kriminalitätsanfälligen" Magnetstreifen einzusetzen. Auch die Bürger sollten wachsamer sein. Insgesamt scheinen Kriminelle stärker an Geld als an Sachwerten interessiert zu sein. So waren im vergangenen Jahr vor allem Fahrzeuge weniger gefragt. Die Zahl der Autodiebstähle ging im Vergleich zu 1999 um 11,4 Prozent zurück, der Diebstahl aus Fahrzeugen um knapp sieben Prozent.

Werden Jugendliche immer krimineller?

Erst mit der Volljährigkeit steigt offenbar die kriminelle Energie. So ist die Zahl der tatverdächtigen Kinder unter 14 Jahren im Jahr 2000 erstmal seit langem gesunken, um 3,2 Prozent auf 146 000. Jugendliche unter 18 Jahren wurden zwar gut doppelt so oft einer Tat verdächtigt, aber auch hier gab es einen Rückgang von 0,8 Prozent. Nur bei jungen Menschen zwischen 18 und 21 Jahren war noch ein Anstieg um 3,1 Prozent zu beobachten. Durchbrochen scheint auch der bisherige Trend bei der Kriminalität junger Ausländer in Deutschland. Die Zahl der "nichtdeutschen jugendlichen Tatverdächtigen", wie sie in der Statistik heißen, ist im Vergleich zu 1999 um 5,8 Prozent gesunken. Insgesamt aber sei das Niveau jugendlicher Straftaten "immer noch viel zu hoch", sagt Schily. Zwei Ursachen nennt er: Jugendliche ohne Perspektive, also ohne Ausbildungsplatz oder Job, seien besonders anfällig für Kriminalität. Ein wichtiger Faktor sei Erziehung. "Vor allem die Vernachlässigung der Sporterziehung hat negative Folgen." Ebenso fatal sei, dass immer weniger Kinder und Jugendliche ein Musikinstrument spielten.

Stimmt das Negativ-Bild vom Wilden Osten noch?

In den neuen Bundesländern ist die Kriminalität gesunken, zwischen 1999 und 2000 um immerhin 3,5 Prozent. Dem starken Anstieg zwischen 1990 und 1996, als sich die Behörden im Osten auf völlig neue Formen der Kriminalität einstellen mussten, folgt nun also die Normalisierung. Den größten Erfolg bei der Verbrechensbekämpfung verzeichnete in den vergangenen zwei Jahren Sachsen-Anhalt mit einem Rückgang von 6,6 Prozent. Auffällig auch: Nur 1,6 Prozent aller Drogentode werden in den neuen Bundesländern gestorben. Allerdings kommen im Osten auf 100 000 Einwohner im Durchschnitt immer noch 8533 Straftaten. Im Westen sind es laut Kriminalitätsstatistik 7439.

Was bringen die neuen Aufklärungsmethoden?

Bei der Verfolgung von Verbrechen habe es "große Erfolge im Bereich der wissenschaftlichen Methoden" gegeben, sagt Schily. Er meint vor allem die Perfektion der Haaranalyse, mit der vorige Woche neue Erkenntnisse über den Mord an Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder gewonnen werden konnten - zehn Jahre nach der Tat. Das Bundeskriminalamt hatte am Tatort ein Haar gefunden, das jetzt dem Terroristen Wolfgang Grams zugeordnet werden konnte. Die Bedeutung dieser Methode werde weiter wachsen, so Schily. "Kein Täter wird verhindern können, dass er zumindest ein Haar am Tatort hinterlässt." Vielleicht beschwört er damit auch nur eine neue Generation gut rasierter Verbrecher herauf.

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