Kultur : Krims Märchen

Bestien bändigen: Der ukrainische Regisseur Andrij Zholdak okkupiert die Berliner Volksbühne

Peter Laudenbach

Möglicherweise ist der ukrainische Theaterregisseur Andrij Zholdak wirklich ein Genie, und sei es nur ein Genie der Selbstvermarktung. Er lässt zumindest keinen Zweifel daran, dass er sich für eine Art Wiedergeburt von Antonin Artaud, Meyerhold und Stanislawski in Personalunion hält. Zholdak sitzt in der Kantine der Berliner Volksbühne und wenn er über sein Theater redet, benutzt er gerne die ganz großen Vokabeln: „Mein Theater ist ein totales Theater, ein Theater der Assoziationen und der Träume.“

Noch vor einigen Wochen war der 43-Jährige Intendant eines Theaters in der ukrainischen Provinzstadt Charkow. Drei Jahre hat er dort mit seinem Bildertheater für Unruhe gesorgt. Im September wurde er gezwungen, seinen Intendantenstuhl zu räumen. „Ich habe furchtbare Reaktionen erlebt. Eine große Zeitung hat geschrieben, dass ich das Theater beschmutzt hätte mit furzenden, kopulierenden, scheißenden Schauspielern. Aber jetzt hätten mich die Machthaber endlich entfernt und das Theater von diesem Schmutz gereinigt. Dann hat die Zeitung noch geschrieben, die ukrainische Kultur müsse national und heroisch sein.“

Jetzt zeigt die Berliner Volksbühne eine kleine Werkschau des Regisseurs: die harte, brutale Adaption einer berühmten Gulag-Erzählung von Alexander Solschenizyn („Ein Tag im Leben des Ivan Denissowitsch“), eine vierstündige, nicht unproblematische Variation über Turgenjews „Ein Sommer auf dem Lande“ und, am kommenden Wochenende, als Eröffnung der diesjährigen „Spielzeit Europa“die Skandal-Inszenierung, die seinen Rauswurf provoziert hat: „Romeo und Julia. Das Fragment.“ Mehr als eine öffentliche Probe konnte Zholdak in Charkow nicht zeigen. Nicht nur, dass die Schauspieler über lange Strecken nackt spielen, hat die Provinzpolitiker in der Ukraine geschockt. „Ich erzähle, wie aus einer großen Stadt die Liebe verschwindet“, sagt Zholdak. „Das ist die Stadt Charkow, eine Industriestadt mit zwei Millionen Einwohnern. Ich glaube, dass das eine Stadt ist, die das Gefühl für zeitgenössische Gedanken unterdrückt. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR hat die Ukraine ein Jahrzehnt des Stillstands erlebt, als wollte man versuchen, die sowjetischen Zustände zu konservieren.“

Die demokratische Revolution, der Aufstand der Zivilgesellschaft gegen die Diktatur löst bei Zholdak eher Skepsis als Aufbruchseuphorie ist. „Die orangene Revolution hat stattgefunden, aber bis auf einige Führer sind es überall die gleichen Leute wie früher, die die Machtpositionen besetzen. Die haben schnell gesagt, dass sie auch für die Reformen sind, das ist die Fassade. Aber dahinter sind sie von kolossaler Härte. Das zu zerbrechen, ist fast unmöglich. Die Ukraine ist viel zu eng für mich geworden – als wären wir immer noch im Sarkophag von Tschernobyl eingesperrt. Die Veränderungen, die wir uns von der Revolution erhofft hatten, sind in der Kultur nicht eingetreten, im Gegenteil. Für mich ist es, als würden wir zu Verhältnissen wie unter Ceausescus zurückkehren.“

Die Gastspielreihe ist das Präludium zu Zholdaks erster Regie-Arbeit an der Volksbühne. Derzeit probt er mit einem deutsch-ukrainischen Ensemble ein Stück über Medea, mit Textfragmenten von Heiner Müller, Euripides und Seneca – die Premiere ist für November geplant. Es ist, nach einer Strindberg-Inszenierung in Luzern, Zholdaks erster Schritt in das westeuropäische Theater. „In der Ukraine wird permanent Druck auf den Künstler ausgeübt, das umgibt einen wie eine unsichtbare Strahlung“, konstatiert Zholdak, und er klingt dabei vollkommen unlarmoyant. „Ich habe beschlossen, dass ich für drei Jahre im Westen arbeite. Danach will ich mich wieder in eine andere Richtung bewegen. Der Künstler muss vergessen, welche Nationalität er hat. Vielleicht werde ich danach nach Japan gehen. Oder zurück in den Osten, aber dann mit andere Waffen.“

Zholdak hat bei diesen unbescheidenen Statements etwas von einem Riesenbaby, ein gieriges, großes Kind, das sich alles einverleiben möchte: den Osten und den Westen, archaische Rituale und Modernismen und am besten sämtliche Stilrichtungen des Welttheaters. Ähnlich eklektizistisch ist seine Turgenjew-Variation unter dem Titel „Monat der Liebe“ – eine Ansammlung von abgestandenem Surrealismus und infantilem Kitsch, Altherren-Obszönitäten und blanker Regression. Es wirkt, als hätte jemand schlechte MTV-Clips, Reste des westeuropäischen Bilder-Theaters der Achtzigerjahre, ein paar Postkarten von Magritte, Erinnerungen an Tadeusz Kantor und einen grauenvollen Soundtrack von Rammstein bis Bach und von Portishead bis Purcell und Richard Clyderman verrührt und sehr viel Süßstoff darüber gekippt.

Nur kurz wird die Bühne hell, ein szenisches Bild wird ausgestellt, zum Beispiel halbnackte Frauen, eine Dicke, eine Dünne, die Cello spielen, während sich vor ihnen ein Paar einen Koffer zuwirft – und dann wird es wieder dunkel. Und dann kommt das nächste, genau so banal verrätselte Bild. Fünf Herren im Frack, die Aquarien schwenken. Oder ein Mädchen, das, festgeklebt an ein mit Wolken bemaltes Brett, so tut, als würde sie durch unsere Träume schweben, während die Windmaschine Federn durchs Bild bläst – Kitsch as Kitsch can. Das ist stellenweise unerträgliches Kunstgewerbe, aber es hat fraglos Kraft, und sei es nur die Kraft des leeren Effekts, der auf die Überrumplung des Zuschauers zielt.

Glaubt man Augenzeugen, sind nicht alle Inszenierungen Zholdaks von solch durchschlagender Klebrigkeit. Aber daran, dass es ihm auf den Effekt, die pure Kraft und die Perfektion des Bildes ankommt, lässt der Regisseur keinen Zweifel. „Zu Beginn der Proben sage ich meinen Schauspielern, dass sie sich wie Raubtiere in einem Käfig fühlen sollen. Sie dürfen alles machen, was diese gefährlichen Tiere machen. Und ich bin der Dompteur, in der einen Hand die Peitsche, in der anderen ein Stück Fleisch. Und dann bändige ich die Bestien.“

„Romeo und Julia. Das Fragment",

22. und 23.10., 19.30 Uhr in der Volksbühne

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